Politik

Russland Seit einem Monat ist der ukrainische Aktivist im Hungerstreik – nur internationaler Druck könnte ihm helfen

Rettet die WM Oleg Senzows Leben?

MOSKAU.Sie stehen meistens allein auf der Straße, vor Gerichten, neben Behörden, bei Festivals. Sie halten Plakate in die Höhe, ob in Iwanowo unweit von Moskau oder in Ust-Kut in Sibirien. „Freiheit für Oleg Senzow“ fordern sie, bevor Polizisten sie verscheuchen. Sie wollen das nun jeden Tag tun, irgendwo in Russland –und natürlich in den Austragungsorten der Fußball-WM.

Während der Kreml der Welt ein „wunderbares Fest“ verspricht, stirbt der ukrainische Filmemacher und Aktivist Senzow hinter dem Polarkreis in Russland einen langsamen, einen qualvollen Tod. „Eine Tragödie“, hat es Russlands Kulturminister Wladimir Medinski gestern genannt. Oleg Senzow hatte einst auf der Krim einen Computerclub und drehte unbedeutende Filme – bis ihm mit „Gamer“ (2012) ein beachtlicher internationaler Erfolg gelang. Seinen zweiten Spielfilm konnte er nicht mehr fertigstellen.

In der Ukraine begann mit der Revolution auf dem Maidan in Kiew der politische Umbruch. In seiner Heimatstadt Simferopol organisierte Senzow Autokorsos für die Freiheit in seinem Land, versorgte ukrainische Soldaten auf der Krim, kritisierte lautstark die Landnahme durch die Russen. Im Frühjahr 2014 nahm ihn der russische Geheimdienst auf der Krim fest und überstellte ihn nach Russland.

Im August 2015 verurteilte ihn ein russisches Gericht zu 20 Jahren Lagerhaft – „strenges Regime“. Die Anklage warf ihm vor, der Kopf einer terroristischen Vereinigung zu sein, mit der er zwei „Terrorakte“ organisiert habe. In der Besserungskolonie Nummer 8 (im Volksmund „Eisbär“ genannt) im unwirtlichen Labytnangi an östlichen Ausläufern des Uralgebirges, knapp 4300 Kilometer von Moskau weg, ist er vor einem Monat in den Hungerstreik getreten – um damit die Freilassung von knapp 70 ukrainischen politischen Gefangenen in Russland zu fordern, sich nicht eingeschlossen. Lieber sterbe er und setze damit ein Zeichen, als 16 weitere Jahre sinnlos im Straflager zu verbringen, ließ er die Öffentlichkeit durch seinen Anwalt wissen.

Einmal im Monat darf er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern telefonieren. Sie berichten von zunehmender Schwäche Senzows, von ausgefallenen Haaren und Zähnen. Der 41-Jährige befindet sich mittlerweile auf der Krankenstation der Kolonie, er bekommt Wasser, Vitamine und Traubenzucker. Sollten seine Organe versagen, werde er zwangsernährt, teilte die Kolonieleitung bereits vor Wochen mit.

„Der Tod tritt nach 45 bis 73 Tagen Hungerstreik auf, fehlen Eiweiße, versagt der Herzmuskel, das Immunsystem kollabiert. Verliert der Mensch in kurzer Zeit 30 Prozent seines Gewichts, wird es lebensbedrohlich“, sagte die amerikanische Wissenschaftlerin Caroline Apovian von der Boston University, die die Auswirkungen von Hungerstreiks erforscht, in einem Interview mit einer russischen Internetzeitung.

Proteste bisher ohne Wirkung

Der sowjetische Dissident Anatoli Martschenko, der durch seinen Hungerstreik die Freilassung aller politischen Gefangenen forderte, war 1986 nach 117 Tagen ohne Nahrungsaufnahme gestorben. Proteste von internationalen Kulturschaffenden, die Fragen westlicher Politiker nach Senzow bei ihren Treffen mit dem russischen Präsidenten waren ins Leere gelaufen. Auch während seiner „Bürgerstunde“ vor einer Woche gab sich Wladimir Putin hart.

Die Hoffnung auf Freilassung im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und der Ukraine hatte sich zerschlagen. Nun setzen Senzows Unterstützer auf den internationalen Druck während der WM. Die Spiele sind seine letzte Chance.