Politik

Umwelt Klimaaktivisten wollen Verkehr lahmlegen / Protestforscher beanstandet Selbstdarstellung einer neuen Bewegung

Sanfte Blockaden in Berlin

Berlin.Ist alles nur aufgeblasen, mehr Schein als Sein, wie von Protestforscher Dieter Rucht vorausgesagt? Die Aktivistengruppe Extinction Rebellion will Berlin und andere Großstädte weltweit lahmlegen. Zumindest das, was am Montag in Berlin passiert ist, dürfte die meisten Hauptstädter nicht schockiert haben. Zwei Blockaden an zentralen Punkten wie dem Großen Stern mit der Siegessäule und dem Potsdamer Platz mit Verzögerungen für Autofahrer von bis zu 20 Minuten – die Berliner sind weiträumigere Straßensperrungen gewohnt, wenn auch zu anderen Anlässen.

Schon am frühen Morgen blockieren rund 1000 Aktivisten den Großen Stern, am Mittag dann folgt der Potsdamer Platz mit etwa 2000 Demonstranten. Sie wollen auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Während es aber in London, Amsterdam, Wellington in Neuseeland oder auch Sydney in Australien zu Festnahmen kommt, bleibt es in Berlin zumindest bis Nachmittag ruhig. Protestler und Polizisten betonen gleichermaßen, wie friedlich und beinahe freundschaftlich alles sei.

Festival der Folklore

Es ist auch ein Festival der Protestfolklore: Dreadlocks, gefärbte Haare, alternative Kleidung soweit das Auge reicht. Die zumeist jungen Menschen sitzen in Trommelkreisen beisammen und singen bekannte Lieder. „Bella Ciao“, „Probiers mal mit Gemütlichkeit“, „Theo, spann den Wagen an“ – wer in den vergangenen 50 Jahren auf einer linken Demo war, kennt die Melodien, deren Texte die Aktivisten auf das Thema Klimaschutz umgedichtet haben. Ein Liederbuch haben sie geschrieben und verteilt, alle zentralen Parolen stehen darin.

Extinction Rebellion – kurz XR und auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben – kommt aus Großbritannien. Nach eigenen Angaben gibt es sie seit November 2018 auch hierzulande. Die Gruppe, die auf ihre dezentrale Struktur verweist, ist gut organisiert. Binnen einer halben Stunde ist vor der Siegessäule eine Holzarche zusammengeschraubt, auf der die ehemalige Seenotretterin Carola Rackete die Klimapolitik der Bundesregierung kritisiert. In 20 Minuten ist ein Zirkuszelt auf dem Potsdamer Platz aufgebaut, und in nicht mal fünf Minuten die sonst so verkehrsreiche Kreuzung vor dem Platz mit Sofas und Zimmerpflanzen in ein WG-Wohnzimmer verwandelt.

Auch die Kommunikation zeigt, wie professionell die Gruppe aufgestellt ist: Die Mobilisierung nach außen geschieht über Whatsapp-Gruppen, zu denen man sich auf der Homepage anmelden kann. Untereinander haben die Demonstranten Gruppen gebildet, die Delegierte in Plenen entsenden. Dort wird das weitere Vorgehen diskutiert.

Gut organisiert

Ebenfalls nicht selbstverständlich ist der Umgang mit der Polizei. Die Rebellen hatten gelobt, ihren zivilen Ungehorsam friedlich auszuleben. Und das gelingt, zumindest bis Montagnachmittag. Für die Kommunikation mit den Sicherheitskräften haben die Organisatoren sogenannte Deeskalateure eingeteilt.

Aus Sicht des Protestforschers Rucht handelt es sich in Deutschland um eine relativ kleine Gruppe. Ankündigungen zur Mitgliederzahl und Anzahl der nationalen Verbände nennt er „vollmundig“. Zu den Aktionen in Berlin sei stets nur eine kleine Gruppe gekommen.

Rucht vergleicht den Aufbau mit einem Franchise-System: So genügten wenige Klicks, um auf der Internetseite als Ortsgruppe in Gründung genannt zu werden. So erweckten die Aktivisten den Eindruck, dass die Bewegung mit vielen Ortsgruppen präsent sei. „Aber die Präsenz ist weitgehend eine Web- und keine physische Präsenz.“ Zumindest am Montag zeigten die Aktivisten, dass es sie real und nicht nur online gibt.

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