Politik

Schrei nach Anstand

Es ist auch mein Land, und ich kann nicht so tun, als ob es mich nichts angeht.“ Das sangen die Toten Hosen 1993 – als Reaktion auf Bilder aus Deutschland, wo Menschen durch die Straßen zogen, den Hitlergruß zeigten und Migranten angriffen. 25 Jahre später sind diese Zeilen aktuell wie nie. In dieser Woche hat Deutschland über die Geschehnisse in Chemnitz diskutiert. Und die Toten Hosen haben sich eingemischt und „Willkommen in Deutschland“dort am Montag live vor 65 000 Menschen gesungen. Vielleicht werden sie es auch heute bei ihrem Konzert in Mannheim singen. Hoffentlich.

Was in den vergangenen Wochen in Chemnitz passiert ist, zeigt, dass Deutschland ins Wanken geraten ist. Es ist zunächst Aufgabe der Politik, Antworten darauf zu finden – auf Kriminalität, die von Flüchtlingen und Zuwanderern ausgeht, aber auch auf Rechtsradikale und deren Mitläufer, die für Gewalttaten Einzelner ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv verantwortlich machen.

Doch es tut in diesen Zeiten eben auch gut, wenn sich nicht nur Politiker zu Wort melden, die das ohnehin jeden Tag machen. Sondern auch Künstler, die mit Musik vielleicht mehr Menschen erreichen und verbinden, als es die Politik vermag. Ganz klar: Es gibt keine Pflicht für Musiker, sich politisch zu äußern – die darf es in einem freien Land nicht geben. Musik steht nicht im Dienst der Politik, sie soll unterhalten, auch mal den Alltag wegschieben.

Aber Musik spricht eben immer auch Gefühle an, Musiker kehren ihr Inneres nach außen – zumindest, wenn sie ihre Texte noch selbst schreiben. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Menschen zu berühren. Sie dürfen es deutlich machen, wenn sie selbst berührt sind von dem, was in ihrem Land passiert. Die Musiker, die am Montag in Chemnitz aufgetreten sind, haben das gemacht. Gerade auch jüngere Künstler wie die Band Kraftklub oder der Rapper Marteria, die als Kinder ostdeutscher Großstädte bei dem Thema eine besondere Glaubwürdigkeit mitbringen.

Tote-Hosen-Sänger Campino hat es auf den Punkt gebracht: Es gehe nicht um links oder rechts, es gehe um Anstand. Sogar Schlager-Königin Helene Fischer, der lange eine Sprachlosigkeit angesichts von Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wurde, hat sich in dieser Woche bei einem Konzert in Berlin zu Wort gemeldet – und sich vorsichtig hinter das Motto „Wir sind mehr“ gestellt.

Anfang der 90er hatten die schrecklichen Bilder aus Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Solingen, Mölln oder auch von der Mannheimer Schönau eine kulturelle Gegenbewegung ausgelöst: Wie die Toten Hosen meldeten sich zum Beispiel auch die Ärzte mit ihrem „Schrei nach Liebe“ zu Wort – ein Lied, das es 2015 sogar noch einmal in die Charts geschafft hat. Bei Festivals und Demonstrationen zeigten Musiker und Bürger damals, dass Fremdenfeindlichkeit nicht das Bild des modernen Deutschlands bestimmt.

Hoffentlich gelingt etwas Ähnliches – ein „Schrei nach Anstand“ sozusagen – jetzt erneut. Musiker und Konzertbesucher in Chemnitz haben in dieser Woche zumindest ein starkes Zeichen gesetzt. Die Symbolik ist wichtig, um klarzumachen, dass gewaltbereite Rechte nicht das Bild dieses Landes bestimmen. Aussenden sollten diese Zeichen aber nicht nur Musiker und das übliche Demo-Publikum – sondern auch Menschen, die sich vielleicht als eher konservativ einordnen, die Straßen und die öffentliche Wahrnehmung aber nicht dem rechten Rand überlassen wollen.

Und schließlich, reicht es nicht, auf Konzerten Refrains mitzugrölen. Anstand zu zeigen, bedeutet auch, im Alltag zu reagieren, wenn Menschen ausgegrenzt oder bedroht werden – egal aus welchem Grund.