Politik

Politischer Aschermittwoch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nach Wahlschlappe eher bescheiden / SPD fehlen Bierzeltredner

Söders Bart, drei Tage alt

Passau.An seinem 100. Jahrestag ist der politische Aschermittwoch auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Das beginnt schon damit, dass bei der CSU in Passau zwei Politiker gleich lang reden, was unter Franz Josef Strauß und erst recht unter Edmund Stoiber nie passiert wäre. Und dass bei der SPD in Vilshofen drei Frauen den Wolferstetter Keller „rocken“, ist ebenfalls eine Premiere. Vor allem ist von der alten Deftigkeit heuer wenig zu spüren.

Einzig Markus Söder erinnert noch an vergangene Zeiten, aber auch nur an einer einzigen Stelle seiner 40-minütigen Rede in der Dreiländerhalle. Da klärt der neue CSU-

Chef und Ministerpräsident nämlich auf, warum er mit Drei-Tage-Bart gekommen ist. Am Vorabend hätten ihn Journalisten auf die Ähnlichkeit mit Grünen-Chef Robert Habeck hingewiesen, weil er nicht rasiert gewesen sei. Da habe er sich entschieden, den Bart noch einen Tag länger stehen zu

lassen, denn: „So locker wie der sind wir schon lange, bloß wächst bei uns mehr.“ Ein echter Macho-Spruch.

Die Rechten im Visier

In Vilshofen bei der SPD ist so was angesichts der geballten Frauenpower sowieso nicht angesagt. Landeschefin Natascha Kohnen hält eine wütende Einpeitschrede für soziale Gerechtigkeit. Und Katarina Barley, als Stargast aus Berlin angereist, ist nicht wirklich bierzeltgeeignet; sie redet immer etwas linkisch. Außerdem grenzt sich die Justizministerin und Europa-Spitzenkandidatin der SPD gleich zu Beginn von den „Flachwitzen“ der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer ab, wie sie es nennt. Da kann sie selbst nicht austeilen. Dabei tagt die SPD zum ersten Mal wieder im Wolferstetter Keller, nicht mehr nur im Festzelt.

Also an dem Ort, in dem die CSU einst den Mythos politischer Aschermittwoch begründete. Von diesem Mythos ist auch bei den Christsozialen kaum noch etwas übrig. Vor allem liegt das an Manfred Weber, der ebenfalls kein geborener Büttenredner ist. Außerdem findet er: „In diesen Zeiten ist auch der Ernst notwendig.“ Der Spitzenkandidat der europäischen Konservativen zur Europawahl geht die Probleme durch: Brexit, Trump, die immer stärker werdenden Populisten.

Söder, der nach ihm spricht, ist zwar unterhaltsamer, aber seit dem schlechten Ergebnis bei der Landtagswahl 2018 auch deutlich bescheidener geworden. „Man kommt schneller nach unten, als man wieder raufkommt“, sagt Söder und bittet um Zeit für sich und seine Regierung. „Es wird ein Marathon.“

Die CSU hat ihre Halle ganz in Blau gehalten, auf die Landesfarben erhebt sie weiter das Besitzrecht. Aus der engeren Parteiführung sind alle da – außer Horst Seehofer. Der langjährige Partei- und Regierungschef scheint ohne zentrale Rolle keine rechte Lust mehr auf die Veranstaltung zu haben.

Bei der SPD ist die Deko rot, auch das Kostüm von Barley. Die beiden Groko-Parteien versuchen, nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich Unterschiede zu markieren. Allerdings in gedämpfter Tonlage. So erinnert Barley Weber aus der Ferne daran, dass er in seiner EVP ein ungeklärtes Probleme mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hat. Söder wiederum attackiert die SPD wegen der teuren Grundrente und ihrer anderen Sozialpläne. „Für den Tank ist das Zucker und für die Konjunktur Gift“, ruft der Ministerpräsident und fügt hinzu.: „Einen Linksrutsch darf es nicht geben.“

Der eigentliche Gegner der CSU sind aber die Rechten. Weber erklärt: „Sie werden immer dreister und immer radikaler“ und spricht von „Dumpfbacken“. Die Populistenmüssten bei der Europawahl zurückgedrängt werden. Söder, der einräumt, dass die CSU im vergangenen Europawahlkampf selbst auch nicht klar proeuropäisch war, wendet sich an AfD-Anhänger: „Kehrt zurück und lasst die Nazis in der AfD alleine.“

Die AfD tagt parallel in Osterhofen. Dort produziert ihr Redner Guido Reil, Europakandidat und Ex-SPD-Mitglied, viele Lacher. Was die AfD mache, wenn sie an der Macht sei, sei er gefragt worden. „Ist doch klar, wir überfallen Polen. Ja, guckt euch mal die Frauen da an.“ Johlen. Reil hat noch ein paar ähnliche Sprüche parat. „Was ich politisch will? Na, die Weltherrschaft. Schließlich bin ich ein Mann.“ Der 49-Jährige ist Steiger und einer der wenigen echten Arbeiter in der Politik. Er meint seine Sprüche als bitter-ironische Kritik an den Vorurteilen gegenüber der AfD. Tiefer geht es dieses Jahr nirgendwo.