Politik

Soll die Politik beim Thema Steingärten eingreifen?

Archivartikel

Pro (von unserem Redaktionsmitglied Bettina Eschbacher)

Wie schön oder hässlich Gärten mit einer Decke aus Kies oder Schotter sind, ist reine Geschmacksfrage. Ginge es nur um die Ästhetik, gäbe es keinen Grund für Verwaltungen, sich in die Planung von privaten Außenflächen einzumischen. Allerdings haben Kommunen sehr wohl ein berechtigtes Interesse an einer harmonischen Gestaltung einer kompletten Wohnsiedlung. Allein deshalb ist es sinnvoll, dass sie in ihren Satzungen etwa bei der Planung von Neubaugebieten einen Rahmen auch für die Außengestaltung vorgeben dürfen. Es kann die Farben der Dächer, aber auch die Auswahl der Heckenpflanzen betreffen. Das geht in Ordnung, wenn die Hausbesitzer noch die Möglichkeit haben, individuelle Akzente zu setzen und eigene Ideen zu verwirklichen– solange die nicht ganz aus dem Rahmen fallen.

Genau das tun die Schotter- oder Kiesflächen. Sie bilden graue Inseln, die überhaupt nicht zu den Nachbargrundstücken passen. Allein das ist ein Argument für ein Verbot. Doch selbst Kommunen, die in Sachen Ästhetik tolerant sind, können Steingärten nicht dulden. Klar, ein Verbot eines kompletten Erscheinungsbilds ist ein stärkerer Eingriff in die Privatsphäre als bestimmte Baumarten vorzuschreiben. Aber Gemeinden, die Schotterwüsten verhindern wollen, haben die besten Argumente für einen solch drastischen Schritt: Die Versiegelung des Bodens mit Plastikfolie und Steinaufschüttungen beschleunigt den Rückgang der Artenvielfalt und heizt die Städte auf. Für den einzelnen Gartenbesitzer, der lieber Stein statt Pflanzen hätte, ist ein Verbot ärgerlich. Doch das Wohl der Allgemeinheit geht vor.

Kontra (von unserem Redaktionsmitglied Tatjana Juncker)

Ganz klar: nein. Es gibt viele Bereiche, in denen staatliche Regulierung sinnvoll ist. Und zwar dann, wenn sie tatsächlich dem Schutz des Allgemeinwohls dient. Der vor einigen Jahren eingeführte gesetzliche Mindestlohn ist so ein Beispiel. Und auch für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen – hierzulande vermutlich niemals durchsetzbar – gäbe es viele gute Gründe. Aber wie der eigene Garten aussieht? Das muss der Allgemeinheit nun wirklich egal sein.

Wenn Kommunen Interesse an einer „harmonischen“ Gestaltung von Wohnsiedlungen haben: Was sollen dafür die Kriterien sein, wenn nicht Ästhetik? Das Empfinden dafür ist aber zu individuell, um es durch öffentliche Vorgaben zu regulieren. Man kann Steingärten ja grauselig finden. Das gilt aber auch für Gärten, in denen dümmlich grinsende Porzellan-Igel, pinkfarbene Solar-Leuchtkugeln oder kegelförmig geschnittene Buchsbäume stehen. Wer schützt einen davor? Niemand – und das ist gut so. Den Geschmack seiner Mitmenschen muss man aushalten.

Die Frage ist zudem: Wo endet das „berechtigte“ öffentliche Interesse an der Gartengestaltung? Droht irgendwann ein Bußgeld, wenn sich der Flieder zu sehr gehen lässt und außer Form gerät? Oder sich das Rosa der Geranien mit den lachsfarbenen Stiefmütterchen beißt? Auch das Argument, dass der Boden durch Steingärten versiegelt und die Artenvielfalt bedroht wird, überzeugt nicht. Zumindest, solange es gleichzeitig völlig in Ordnung ist, die Hälfte seines Grundstücks für einen riesigen Carport zuzubetonieren, in dem dann zwei SUV und ein Smart stehen – die man als dreiköpfige Familie natürlich unbedingt braucht.

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