Politik

Medien Eva Schulz berichtet in den sozialen Medien über Politik und erreicht damit Millionen junger Menschen

„Soziale Netzwerke sind ein Segen für den Journalismus“

Archivartikel

Die sozialen Netzwerke sind ein Segen für uns Journalistinnen und Journalisten. Denn sie zwingen uns dazu, dass wir uns mit unseren Nutzerinnen und Nutzern beschäftigen. Im klassischen Printjournalismus waren Leserbriefe der einzige richtige Feedbackkanal – noch dazu ein ziemlich einseitiger. Ich begreife es bei Deutschland3000, dem jungen Politikformat, mit dem wir auf Facebook, Instagram, Youtube, als Podcast und im Radio präsent sind, als meinen Auftrag, Debatten auszulösen und dann auch zu pflegen. Persönlich finde ich es sehr bereichernd, dass es nicht mehr diese fast elfenbeinturmartige Haltung gibt – „Ich bin die Journalistin, ich schreibe euch von hier oben die Zeitung voll und ihr könnt schauen, was ihr damit macht“ –, sondern eine sehr gut messbare Nachfrage unserer Produkte und auch einen inhaltlichen Austausch. Bei Deutschland3000 bieten wir Argumente an auf Basis von Recherche, und durch die Kommentare in sozialen Netzwerken kommen noch viele weitere Perspektiven dazu. Wenn es darum geht, was Redaktionen von Journalisten auf den neuen Plattformen lernen können, wäre es dieser Austausch auf Augenhöhe und eine stärkere Einbeziehung der Nutzerinnen und Nutzer. Ein Beispiel: Wir planen gerade einen Beitrag über Frauen bei der Bundeswehr. Im Zuge der Recherche haben wir uns daran erinnert, dass unter einem ganz anderen Post eine junge Frau geschrieben hatte, dass sie Soldatin sei und was sie erlebt habe. So etwas speichern wir direkt im virtuellen Hinterkopf ab, damit wir auf diese Follower dann für künftige Beiträge zugehen und so auch neue Interessengruppen erschließen können. So wird Deutschland3000 auch immer mehr ein Community-Format, das die Nutzerinnen und Nutzer stärker einbindet.

Transparentes Arbeiten

Um eine solche Community aufzubauen, muss man vor allem authentisch rüberkommen. Ich bin selbst 29 Jahre alt und merke bei meinem eigenen Medienkonsum, dass ich mich besser mit Inhalten identifizieren kann, von denen ich weiß, von wem und vor welchem Hintergrund sie produziert wurden. Wenn ich mich beispielsweise mit einem Show Host direkt identifizieren kann, mir also auch vorstellen könnte, mit ihm oder ihr gemeinsam am WG-Tisch zu diskutieren, fällt es mir leichter, eine gedankliche Brücke zu den Inhalten zu schlagen. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, ob sich Authentizität strategisch verfolgen lässt – das klingt für mich eher widersprüchlich. Aber ich denke, es hat viel mit Transparenz zu tun: aufzuzeigen, wie wir arbeiten, wie viele Leute an einem Video beteiligt sind und wie wir zu Schlüssen gekommen sind. Das machen wir zum Beispiel ganz konkret dadurch, dass wir unsere Quellen in den Videos einblenden.

Zum anderen glaube ich, dass Journalisten und Journalistinnen nicht bei jedem Thema hundert Prozent neutral sein können, sondern dass wir unsere eigene Subjektivität oder auch das Hin-und-Her-Gerissen-Sein zwischen zwei Standpunkten abbilden sollten. Deswegen scheue ich mich auch nicht davor, in den Videos meine Meinung zu sagen: Die Leute sollen sich an dem, was ich sage, reiben können – denn so entstehen Debatten, und die helfen wiederum bei der Meinungsbildung. Allerdings verwischen dadurch auch die gelernten Genres von Information und Kommentar. Ich könnte gar nicht sagen, welches Genre Deutschland3000 ist – aber ich weiß auch nicht, ob das für die Nutzerinnen und Nutzer wichtig ist. Ich glaube, dass sie verstehen, dass das meine Meinung ist, aber sie auch anderer Meinung sein können.

Die Frage, ob ich Journalistin oder Youtuberin bin, stellen eigentlich nur andere Journalisten. Rund um Rezos CDU-Video gab es ja auch die Diskussion, wie man seine Äußerungen bewerten könne, weil er ja kein Journalist sei. Ich verstehe mich ganz klar als Journalistin, aber wenn ein Teil der Zielgruppe mich Youtuberin nennt, weil sie sich mir dadurch vielleicht näher fühlt und die Videos lieber ansieht, dann ist das natürlich okay. Was ich immer rüberbringen will, ist: Ich habe einen journalistischen Anspruch und erzähle nicht nur meine Meinung, sondern habe eine faktisch untermauerte Argumentationslinie.

Aufgrund dieses Selbstverständnisses als Journalistin würde ich auch keine Werbedeals annehmen. Ich finde, das passt nicht zu dem Journalismus, den ich mache, und auch nicht zu dem Vertrauen, das ich bei meinen Followerinnen und Followern wahren will. Das ist schließlich das wichtigste Gut, das wir im Journalismus haben. Nichtsdestotrotz kann der Youtuber in seinem Nicht-Journalist-Sein genauso glaubwürdig sein wie der Journalist. Inzwischen wissen die meisten Jugendlichen, dass viele Influencer und Influencerinnen auf sozialen Netzwerken gesponsert werben, und erkennen bezahlte Inhalte. Aber sie sagen auch: In dem Moment, in dem eine Influencerin transparent damit umgeht, dass sie gesponsort wird, finden sie das erst recht glaubwürdig. Das kann ich gut nachvollziehen, das geht mir auch mitunter so.

Mehr Angebote für Gruppen

Meiner Einschätzung nach wird der Journalismus immer diverser, auch weil die Menschen durch das Internet noch mehr konsumieren und nischigere Formate Platz finden. Wir sollten nicht den Anspruch haben, dass wir die einzige Medienmarke sind, die konsumiert wird, sondern bestenfalls Teil der täglichen Routine werden. Von diesem Immer-mehr können sich Redaktionen bedroht fühlen – oder es als Anreiz verstehen, besser zu werden und spitzer in den Zielgruppen. Ich denke, es wird vor allem schwerer für die Medien, die eine sehr breite Zielgruppe ansprechen wollen. Wenn man den 60-Jährigen genauso erreichen will wie die 20-Jährige, muss man beiden zeigen, dass man etwas für sie anbietet – gleichzeitig kann man keine Zeitung machen, in der sich alle Leser für jeden Artikel interessieren. Das ist ja bei den öffentlich-rechtlichen Sendern genauso. Da gab es lange nicht genug Inhalte für junge Leute – die machen wir jetzt, deshalb gibt es funk. Der Journalismus wird auch nicht sterben. Er wird vor immer neuen Herausforderungen stehen, wie auch schon in den vergangenen Jahrzehnten. Aber als Journalistin ist man doch qua Beruf neugierig, deswegen sollte man auch offen sein für Veränderungen.

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