Politik

Regierungschefin Hinter der CDU-Vorsitzenden liegt ein politisch katastrophales Jahr / Darin hat sie viel Autorität verloren

Spuren des Machtverlusts

Archivartikel

Berlin.Ob sie sich in diesen aufwühlenden Tagen manchmal daran erinnert, wie alles begann? Wie sie als schmächtige Frau mit Kurzhaarschnitt, Jeansrock und Strickjacke in einer alten Hütte auf Rügen inmitten von bärtigen, wortkargen Fischern saß? Als sie frühmorgens schon fünf oder sechs Schnäpse trinken musste? Ostweinbrand, versteht sich. Angela Merkels erster Solotanz als Politikerin in einer rauen Männerwelt.

Eine Begegnung der seltsamen Art war das, die da am 2. November 1990 stattfand. Sie markiert den Beginn einer steilen Karriere, die sich nun schneller als geplant dem Ende nähern könnte. Seitdem sind 28 Jahre vergangen. Merkel wurde Ministerin und CDU-Generalsekretärin, sie kippte den Übervater Helmut Kohl vom Sockel. Dann wurde sie CDU-Chefin und 2005 schließlich erste Bundeskanzlerin.

Die Spuren der Macht sieht man in ihrem Gesicht verewigt. Jeden Morgen lässt Merkel sie im Kanzleramt mit einer Art Schutzpanzer verbergen. Als sie am Dienstagabend den Reichstag verlässt und in ihre Limousine steigt, ist die Maske gefallen. Man sieht eine müde, blasse Frau mit Augenringen, 64 Jahre alt, die soeben eine schwere Niederlage erlitten hat. Die schwerste überhaupt in 13 Jahren Kanzlerschaft.

Die Unionsfraktion hat ihr die Gefolgschaft verweigert und „ihren“ Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder gestürzt. Merkels Mann fürs Grobe ist von den Abgeordneten vom Hof gejagt worden – und die Kanzlerin symbolartig mit. Sie hockt auf dem Rücksitz ihres Wagens, schaut auf ihr Handy.

Weiter, immer weiter

So zu tun, als ob nichts gewesen wäre, kann sie wie keine andere. Auch am Morgen nach dem Desaster, als das Bundeskabinett zusammenkommt, lässt sie sich nichts anmerken. Weiter, immer weiter. Aber Merkel kennt die Presselage: „Kann Merkel noch Kanzlerin?“, wird ketzerisch gefragt. Angela Merkel, hat einmal eine Vertraute gesagt, „mag Macht. Und sie mag es auch, unterschätzt zu werden, weil das der beste Weg ist, Macht zu festigen“. Nun scheint sie ihr zu entgleiten.

Wie konnte es nur soweit kommen? Ein politisch katastrophales Jahr liegt hinter ihr, in dem viel Autorität zerbröselt ist. Die Bundestagswahl vor zwölf Monaten war für die Union ein Debakel. Sie wüsste nicht, was sie hätte anders machen sollen, sagt Merkel am Tag danach. Auch nicht in ihrer Flüchtlingspolitik. Bis heute herrscht darüber Kopfschütteln in den eigenen Reihen. Merkel verspricht einen personellen Neuanfang, sie macht Annegret Kramp-Karrenbauer zur Generalsekretärin. Die „Mini-Merkel“, wie in Berlin gespottet wird. Und sie holt, nachdem sie „Jamaika“ nicht hinbekommen und sich in die große Koalition geflüchtet hat, ihren Widersacher Jens Spahn als Gesundheitsminister ins Kabinett.

Ansonsten bleibt alles beim Alten. Die Unruhe wächst, aber sie wird in der Regierungszentrale ignoriert. CSU-Chef Horst Seehofer wird auch noch Innenminister. Was zunächst wie ein Coup anmutet, weil der schärfste Merkel-Kritiker damit eingebunden werden soll in die Kabinettsdisziplin, entpuppt sich als fatal. Seehofer betreibt weiter Politik, die sich gegen Merkel richtet. Es folgen zwei Regierungskrisen um die Flüchtlingspolitik und den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, in der Merkel kraftlos agiert. Sie entschuldigt sich. Das hat es noch nie gegeben. Merkels Schwäche macht die Aufmüpfigen in der Fraktion stark. „Da hat sich viel aufgestaut“, sagt einer aus ihrem Umfeld. Kauder wird abgewählt.

„Führung“ ist die Eigenschaft, die mit Angela Merkel so gar nicht verbunden wird. Von ihrem Lehrmeister Helmut Kohl hat sie zwar die auch nervende Detailversessenheit übernommen, genauso das große Misstrauen, das sie hegt. Aber eben nicht seine Führungsqualitäten. Merkel hat sich durch ihre drei Kanzlerschaften moderiert, sie wartet lange, bis sie sich entscheidet. In Zeiten, in denen die Krisen Schlag auf Schlag kommen, „ist das zu wenig“, so einer aus der Union.

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