Politik

Russland 70 Prozent der Bevölkerung sehen den früheren sowjetischen Diktator positiv – so viele wie kaum zuvor

Stalin gilt als gerechter Herrscher

Moskau.Man begegnet Josef Stalin am Eingang zum Roten Platz in Moskau. In Generalissimus-Uniform und Pfeife in der Hand. Er stutzt seinen Schnauzer, schaut einmal mürrisch, einmal lächelnd in die Moskauer Frühlingssonne. Die Touristen eilen an ihm vorbei, mit dem menschlichen Doppelgänger des sowjetischen Diktators will sich vorerst niemand fotografieren lassen. Man begegnet Stalin auch als Büste in Jakutsk im Fernen Osten Russlands oder in Lipezk im Westen des Landes. Am 9. Mai, pünktlich zur Feier des Kriegsendes in Russland, wird auch in Nowosibirsk in Sibirien eine Stalin-Büste feierlich eröffnet.

Verbrechen werden beschönigt

Aller Kritik von Menschenrechtsorganisationen und liberalen Parteien zum Trotz, die eine „Stalinisierung der Gesellschaft“ und eine „Rehabilitierung der Stalin’schen Repressionen“ anprangerten, ist dem Schlächter im Dorf Schelanger in der Republik Mari El an der Wolga gar ein Denkmal in Ganzkörpergröße gewidmet. In der sibirischen Siedlung Slawjanka ist jede Straße nach Stalin benannt. Kommunisten in Wolgograd wollen seit Jahren ihre Stadt wieder in Stalingrad umbenennen. In einer Metrostation in Moskau laufen täglich Tausende an der Zeile ,,Uns erzog Stalin – zur Treue zum Volk, zu Arbeit und Heldentaten regte er uns an“ vorbei, sie stammt noch aus der früheren sowjetischen Nationalhymne.

Das geschichtspolitische „Geschäft“ mit dem „Genossen Stalin“ läuft gut für die politische Führung in Moskau. Die offizielle Politik nutzt das stalinistische Erbe zur Stärkung einer „nationalen Identität“. Die Herangehensweise trägt Früchte: In einer neuen Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums in Moskau bewerteten jüngst rund 70 Prozent der Befragten die Taten des „roten Zaren“ als positiv, so viele wie kaum zuvor. Fast jeder zweite Russe findet dabei, die furchtbaren Verbrechen des grausamen Diktators rechtfertigten die „großen Ziele und Ergebnisse seiner Zeit“.

Die Sehnsucht, die „historische Epoche mit einem großen Volk, den Heldentaten und eben Stalin“, wie es Russlands nicht unumstrittener Kulturminister Wladimir Medinski bei der Eröffnung eines Stalin-Museums einst sagte, populär zu machen und das „Know-how Stalins“ (Medinski) zu erlernen, ist groß im Land.

In den Schulbüchern erscheint der Diktator als großrussischer Patriot und bedeutender Modernisierer. Der Gulag, dieses Netz an Arbeitslagern, das für die Repression des sowjetischen Regimes steht, wird als „Tragödie“ empfunden, die über das russische Volk hereingebrochen ist und somit mit Geduld ertragen werden musste. Die Schuldfrage wird dadurch ausgeblendet.

Stalin gilt vielen als gerechter Herrscher, der für die positive Entwicklung in der sowjetischen Geschichte steht. Über die Brutalität des Diktators, über die Opferzahlen, die Vertreibungen ganzer Völker oder den Massenterror der 1930er Jahre will die Politik auch heute kaum reden. Das Wort „Vergangenheitsbewältigung“ kennt das Russische nicht.