Politik

Bevölkerungsschutz In einer Risikoanalyse für das Jahr 2012 nahm das Robert-Koch-Institut die aktuelle Entwicklung vorweg

Szenario schon vor acht Jahren simuliert

Archivartikel

Mannheim.„Der Erreger stammt aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Da die Tiere selbst nicht erkranken, war nicht erkennbar, dass eine Infektionsgefahr bestand.“ Und weiter: „Zwei der ersten Fälle, die nach Deutschland eingeschleppt werden, betreffen Personen, die sich im selben südostasiatischen Land angesteckt haben.“ Was klingt wie eine Nacherzählung von den Anfängen der Corona-Krise, ist ein Szenario, das bereits acht Jahre alt ist.

Damals spielte das Robert-Koch-Institut mit Experten anderer Behörden wie Bundesamt für Bevölkerungsschutz, Technisches Hilfswerk und Paul-Ehrlich-Institut den Ausbruch einer Pandemie durch – als theoretisches Ereignis. Der „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ befasst sich mit zwei potenziellen Gefahren: extremes Schmelzhochwasser aus den Mittelgebirgen und Pandemie durch ein neuartiges Virus, „Modi-Sars“.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Pandemie wird mit „bedingt wahrscheinlich“ angegeben, das bedeutet, es handelt sich um ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren eintritt. Nun ist es also schon etwas früher so gekommen. Zwar stimmen nicht alle Annahmen in der Risikoanalyse mit der Realität überein; so wird beispielsweise angenommen, dass die Letalität von „Modi-Sars“ – der Anteil der Erkrankten, die als Folge der Infektion versterben – bei zehn Prozent liegt, tatsächlich ist das echte Sars-CoV-2 nach allen bisherigen Erkenntnissen weit weniger tödlich.

Außerdem sind von der fiktiven Pandemie alle Altersgruppen gleichermaßen betroffen und nicht wie jetzt vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Doch stellenweise liest sich der Text wie ein perfektes Drehbuch für die aktuelle Pandemie. Von den Symptomen – Fieber und trockener Husten – über die Verbreitungswege bis hin zu Maßnahmen wie Schulschließungen, Absage von Großveranstaltungen, Quarantänen.

Fiktive Zahlen

Die Folgen sind dramatisch: Die Wirtschaft bricht ein, Steuereinnahmen fallen weg. Die Zahl der Erwerbsfähigen schrumpft. Das Szenario nimmt als Beispiel an, dass vier Millionen Erwerbstätige an „Modi-Sars“ sterben. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist nicht wie gewohnt möglich, die landwirtschaftliche Produktion muss mit Verlusten rechnen. Unternehmen können die Auswirkungen der Pandemie nicht mehr auffangen, weltweit kommen Produktionsstätten zum Erliegen. Engpässe bei Arzneimitteln, Schutzausrüstung, Desinfektionsmitteln, und irgendwann können Krankenhäuser den überwiegenden Teil der Erkrankten nicht mehr versorgen.

Die Frage, wie lange ein solches Ereignis andauert, wird in der Risikoanalyse beantwortet mit: „Es ist so lange mit Neuerkrankungen zu rechnen, bis ein Impfstoff verfügbar ist.“ Das sei frühestens in drei Jahren der Fall. Bis dahin verläuft die fiktive Epidemie in drei Wellen, mehr Menschen infizieren sich, viele sterben, andere werden immun, können sich aber auch ein zweites Mal anstecken. Insgesamt wird in der fiktiven Pandemie von 79 Millionen Infizierten in Deutschland ausgegangen.

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