Politik

Interview Wissenschaftler Matthias Dembinski stuft die militärischen Vergeltungsschläge gegen US-Truppen im Irak als moderat ein

„Trump will keinen Krieg mit dem Iran“

Mannheim.Friedens- und Konfliktforscher Matthias Dembinski hofft, dass sich die Spirale der Gewalt im Nahen Osten nicht weiterdreht.

Herr Dembinski, wie bewerten Sie die iranischen Vergeltungsschläge auf die Militärbasen der US-Truppen im Irak?

Matthias Dembinski: Verglichen mit den Erwartungen nach den harschen Drohungen aus Teheran sind diese relativ moderat ausgefallen.

Es gibt ja auch die Spekulation, dass Teheran deshalb so moderat zugeschlagen hat, um Washington zu signalisieren, dass die iranische Führung sich mit diesen Militärschlägen begnügt.

Dembinski: Richtig. Solche Stimmen gibt es ja auch im Iran selbst. Obwohl von dort auch radikalere zu hören sind, gehe ich davon aus, dass der Iran zumindest gegenwärtig eher für eine Deeskalation eintritt.

Heißt dies, dass jetzt im Nahen Osten wieder Ruhe einkehrt, oder glauben Sie, dass sich die Lage zuspitzen wird?

Dembinski: Ruhe wird nicht einkehren. Denn die Ausgangslage hat sich nicht verändert, sie ist instabiler geworden. Der Iran leidet unter der US-Strategie des maximalen Drucks, also dem Embargo. Teheran steht deshalb vor einer Grundsatzentscheidung. Entweder das Regime sitzt das Embargo aus, mit dem Risiko, dass das Land wegen der Wirtschaftssanktionen in die Knie geht.

Oder . . ?

Dembinski: . . . der Iran versucht, durch gezielte militärische Nadelstiche eine Verhandlungslösung zu erzielen, damit er normale ökonomische Beziehungen mit dem Westen aufnehmen kann. Dies ist seit der Aufkündigung des Atom-Abkommen durch US-Präsident Donald Trump nicht mehr möglich. Gegenwärtig ist aber eine Rückkehr an den Verhandlungstisch unwahrscheinlich, weil Trump jetzt weitere Sanktionen gegen den Iran angekündigt hat. Es kann also sein, dass Teheran weiter zündelt und es vielleicht beim nächsten Mal dann zu einem richtig großen Knall kommen kann.

Allem Anschein nach sieht es so aus, als würde der Iran Nadelstiche als Strategie bevorzugen.

Dembinski: In der Tat. Die Blockade der Seewege im Golf von Hormus, die Angriffe auf die saudi-arabischen Ölraffinerien, das geht alles in diese Richtung. Und jetzt eben die Attacken auf die US-Truppen im Irak.

Diese hat allerdings Trump mit dem Tötungsbefehl für den iranischen General Ghassem Soleimani geradezu provoziert. Wird Trump die Angriffe hinnehmen oder doch zurückschlagen?

Dembinski: An einen großen Gegenschlag glaube ich jedenfalls nicht. Trump hat ja – wie auch die Teheraner Führung – betont, dass er keinen Krieg will. Der Präsident möchte die Weltmachtlasten der USA reduzieren. Trump will lieber Truppen abziehen, als neue in Krisenregionen wie den Nahen Osten schicken. Aber das Problem ist, dass der US-Präsident unfähig ist, dieses Ziel in eine politische Strategie umzusetzen. Das macht ihn und seine Reaktionen so unberechenbar.

Vor der Ermordung Soleimanis hat es im Irak Demonstrationen gegen den großen Einfluss des Iran im Nachbarland gegeben.

Dembinski: Das stimmt. Denen ist aber jetzt die Luft ausgegangen. Die Sunniten und Kurden im Land sind misstrauisch gegen die schiitische Führung in Teheran und Bagdad. Aber die amerikanische Aggression hat dazu geführt, dass die Stimmung völlig gekippt ist.

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