Politik

Todesschüsse Antisemitische Äußerungen auf Bekennervideo / 51 Gläubige in Synagoge verbarrikadiert

„Unsere Türen haben gehalten“

Halle.Sirenengeheul unterbricht über Stunden die Totenstille. Rettungswagen reihen sich hintereinander. Schwer bewaffnete Polizisten in schwarzen Anzügen und mit Helmen durchkämmen das beschauliche Paulusviertel im Norden von Halle in Sachsen-Anhalt. Etwa 30 Meter von einer Synagoge entfernt liegt die Leiche einer Frau, sie ist mit einer blauen Decke bedeckt. Daneben steht ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine Stoffente hängt. Ein Mann wird in einem Döner-Imbiss erschossen. Mindestens zwei weitere Menschen werden verletzt. Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden in das Universitätsklinikum Halle gebracht. „Ein Patient hat Schussverletzungen und wird gerade operiert“, sagte ein Kliniksprecher.

Es sind gespenstische Szenen nach den bewaffneten Angriffen in der Saalestadt. Der mutmaßliche Täter, ein 27-jähriger Deutscher in Kampfanzug und Waffen, soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben.

In dem am Mittwoch verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera. Der Mann gibt in schlechtem Englisch antisemitische Äußerungen von sich. In den Aufnahmen ist zu sehen, wie der Filmende vergeblich versucht, in die Synagoge an der Humboldtstraße zu gelangen. Die Tür bleibt verschlossen. Daraufhin schießt der Täter auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken, die ihn angesprochen hatte. Die Frau bleibt leblos neben dem Fahrzeug des Täters liegen.

Gebäude in Nachbarort durchsucht

„Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, schilderte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, der „Stuttgarter Zeitung“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“ Die Menschen in der Synagoge seien geschockt gewesen. „Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet.“

Erst nach Stunden wurden die laut Privorozki 51 Gläubigen in Bussen weggebracht. Währenddessen herrschte vor den Türen noch der Ausnahmezustand. Die Polizei hatte das Gebiet weiträumig mit Flatterband abgesperrt. Am Himmel über der Innenstadt kreiste bis in die Abendstunden ein Hubschrauber. Streifenwagen fuhren mit Blaulicht durch das Villenviertel und forderten die Anwohner auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Auch das mobile Warn- und Informationssystem Katwarn wendete sich mit einer „Gefahrendurchsage“ an die Bevölkerung. „Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Von Fenster(n) und Türen fern bleiben!“ Denn die Polizei meldete zunächst, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht.

Auch in Landsberg – rund 15 Kilometer östlich von Halle – wurde geschossen, wie die Polizei bestätigte. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort im Saalekreis wollte sie zunächst nichts sagen – die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt. Bis in die Abendstunden durchsuchten bewaffnete Polizisten im Ortsteil Wiedersdorf Gebäude.

Öffentliches Leben lahmgelegt

Der öffentliche Nahverkehr in Halle war komplett eingestellt. Der Hauptbahnhof Halle war über Stunden gesperrt. Es kam zu zahlreichen Behinderungen für Reisende im Fern- und Regionalverkehr. Auf den Straßen der Stadt mit knapp 239 000 Einwohnern staute sich der Auto- und Lastwagenverkehr. „Bleiben Sie trotzdem weiterhin wachsam“, twitterte die Polizei und rief die Bevölkerung auf, in ihren Wohnungen oder an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) brach seinen Besuch bei der EU in Brüssel ab. „Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat“, hieß es in einer Mitteilung. „Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer.“

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