Politik

„Urkatastrophe“ – Gedenkfeiern oder vergessene Opfer

Unterschiedlich stark wird in den Ländern der Alliierten an den Ersten Weltkrieg erinnert. Ein Überblick unserer Korrespondenten:

Großbritannien

Es ist ein fester Termin im Terminkalender von Königin Elizabeth II. Jedes Jahr am 11. November legt die Queen, gefolgt von Politikern sowie Militärs, am Kenotaph in London einen Mohnblumen-Kranz vor das Denkmal, das allen gefallenen britischen Soldaten seit 1914 gewidmet ist. Um 11 Uhr schlagen die Glocken des Big Ben, und das ganze Land hält zwei Minuten inne. Im Vereinigten Königreich ist der „Great War“ – der große Krieg – das historische Ereignis des 20. Jahrhunderts, die „Urkatastrophe“. Rund 900 000 Opfer hatte das Königreich zu beklagen. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg fielen halb so viele Briten. Das Bedürfnis, die Opfer positiv zu ehren, ist ausgeprägter und leichter zu bedienen als in Deutschland. Die Erinnerung wird durch die Überzeugung geprägt, für die richtige Sache gekämpft zu haben. Katrin Pribyl

Russland

Für die Russen war der Erste Weltkrieg eine herbe Niederlage. Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk am 3. März 1918 verlor Russland ein Viertel seines Territoriums, auf dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung des damaligen Russischen Reiches lebte. Es verzichtete auf seine Hoheitsrechte in Polen, Litauen und Kurland, überließ Estland und Livland den deutschen Truppen, Ukraine und Finnland erlangten staatliche Unabhängigkeit. Das Inferno des Ersten Weltkriegs, den die Russen damals den „Deutschen Krieg“ nannten, wurde vom Inferno des folgenden Bürgerkriegs und der Gewaltherrschaft der Bolschewiki überlagert. Der Bürgerkrieg traf das Land im Herzen: Bis zu 14 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben, bis zu acht Millionen Kinder wurden zu Waisen. Landwirtschaft und Industrie kollabierten. Der Erste Weltkrieg ist bis heute ein vergessener Krieg in Russland, obwohl mittlerweile Bücher dazu erscheinen oder Ausstellungen konzipiert werden. Es ist dagegen der Zweite Weltkrieg, der „Große Vaterländische Krieg“, wie die Russen sagen, der sich tief ins Gedächtnis je eingeprägt hat. Inna Hartwich

USA

Es gibt kein nationales Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Niemand aus der amtierenden Regierung zeigte im vergangenen Jahr Interesse daran, an Gedenkveranstaltungen zum Eintritt der USA in den „Great War“ teilzunehmen. Und auch an diesem 11. November gibt es in der US-amerikanischen Öffentlichkeit keine größere Aufmerksamkeit. Das „National World War I Museum and Memorial“ in Kansas City versucht, daran etwas zu ändern. Mit großem Aufwand hat das Museum in dem Park vor dem berühmten „Navy Pier“ in Chicago eine große Freiluftausstellung organisiert. Wie eine Reihe an Grabsteinen auf Militärfriedhöfen haben die Kuratoren eine Reihe an Informations-Kiosken aufgebaut, die an das Grauen des Ersten Weltkriegs erinnern. Das erklärte Ziel der Veranstalter ist so ehrlich wie schockierend. „Wir wollen der amerikanischen Öffentlichkeit den Ersten Weltkrieg nahebringen“, sagt Museums-Direktor Matthew Naylor. Erstaunlich angesichts der 117 000 Amerikaner, die fielen. Die „United States World War One Centennial Commission“ ermutigt Kirchen und Gemeinden in den USA, am Sonntag, Schlag 11 Uhr, genau 21 Mal die Glocken zum Gedenken läuten zu lassen. Thomas Spang