Politik

Präsidentschaft Dürftige Zuschauerzahl bei Donald Trumps Veranstaltung / Herausforderer Joe Biden in Umfragen vorn

US-Wahlkampf: leere blaue Sitze, wenig rote Mützen

Archivartikel

Washington.Der konservative Drudge-Report brachte die Blamage auf den Punkt. „MAGA LESS MEGA“ stand in großen Lettern über dem Online-Portal. Wobei „MAGA“ für den auf die roten Baseball-Kappen seiner Anhänger gedruckten Slogan „Mach Amerika wieder großartig“ steht. Und „MEGA“ auf die Prahlerei vor der als „Comeback“ beworbenen ersten Kundgebung seit Beginn der Pandemie im März anspielt, für die das Wahlkampfteam angeblich mehr als eine Million Ticketanfragen hatte. „Wir erwarten ein Rekordpublikum“, schraubte der Präsident die Erwartungen selber in die Höhe.

Doch dann sah er nicht das Rot der Kappen und T-Shirts seiner Anhänger, sondern das Blau der leeren Sitze in dem BOK-Center, der Platz für 19 000 Menschen bietet. Eine vor der Halle von seinem Wahlkampfteam aufgebaute Bühne, von der Trump zu Anhängern sprechen wollte, die kein Ticket ergattern konnten, blieb mangels Interesse verwaist. „Wir hatten ein paar sehr schlechte Leute da draußen“, erklärte Trump seinen „Kriegern“ in der Halle die Enttäuschung seines Wahlkampfauftakts an diesem Samstagabend. So drückte es später auch ein Sprecher des Trump-Teams aus. „Radikale Demonstranten“ und die Medien mit ihrer Pandemie-Panikmache hätten Interessierte abgeschreckt. Tatsächlich zählte CNN nicht mehr als 175 friedliche Protestierende in Sichtweite des BOK-Centers. Und die „Black Lives Matter“-Kundgebung im schwarzen Stadtteil Greenwood glich mehr einem Straßenfest als wütendem Protest.

Leere Ränge wegen Online-Aufruf?

Dass der Aufruf einer Frau aus Iowa auf der Videoplattform Tiktok, Tickets für die Kundgebung zu bestellen und dann nicht zu kommen, für die vielen leeren Sitze verantwortlich war, wäre auch nur ein schwacher Trost für den Rechtspopulisten, der viereinhalb Monate vor der Präsidentschaftswahl das Gespür für die Stimmung im Land verloren hat.

Seine Kundgebung und die ausschweifende Rede in Tulsa gerieten nach Ansicht von Analysten zum Sinnbild für einen Präsidenten, der in seiner eigenen Wirklichkeit lebt. Dorthin folgen ihm nur noch seine überwiegend weißen Super-Fans. Wie die Anhänger eines Kults riskieren sie entgegen den Warnungen der Gesundheitsbehörden für Trump ihr Leben. Sie tragen keine Schutzmaske und stehen dicht beieinander, obwohl sie in der spärlich besetzten Halle Abstand halten könnten.

In seiner ausschweifenden Rede verklickert Trump seinen Anhängern, es gebe in den USA nur deshalb die weltweit meisten Corona-Fälle, weil nirgendwo so viel getestet werde. „Ich habe meinen Leuten gesagt, testet weniger.“ Wahlweise tut er den Erreger, der mehr als 2,1 Millionen Menschen infiziert und mehr als 120 000 getötet hat, als „China-Virus“ oder „Kung-Flu“ ab. In den 100 Minuten Redezeit erwähnte Trump den Schwarzen George Floyd nicht ein einziges Mal. Stattdessen wetterte er gegen fiktive „Antifa“-Krawalle, seinen Herausforderer Joe Biden, der „eine hilflose Marionette der radikalen Linken“ sei, und beschwerte sich über den Sturz von Denkmälern der Konföderierten.

Niederlagen erlitten

15 Minuten lang sprach Trump darüber, warum er sich kürzlich bei strahlendem Sommerwetter an der West Point Militärakademie wie ein gebrechlicher Mann eine Rampe herunter tastete. Die bizarren Erklärungen reichten von einem „langen Tag“ über die „rutschigen Schuhe“ bis hin zu den „fürchterlichen Medien“.

Analysten rechnen damit, dass er weiter in den Umfragen abrutschen wird. Der Demokrat Biden führt in einigen Erhebungen um mehr als zehn Prozentpunkte. Trump müsste dafür Erfolge vorweisen.

Doch zuletzt steckte er eine Niederlage nach der anderen ein: vor dem Verfassungsgericht, beim Scheitern seines Versuchs, die vernichtende Abrechnung seines ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton zu stoppen, die anhaltenden Proteste und vor allem eine Pandemie, die mit 40 Millionen Arbeitslosen die Konjunktur entgleist hat.

Doch Trump bleibt Trump und verbreitet vor den zu einem Drittel leeren Rängen Zuversicht. „Die stille Mehrheit ist stärker als je zuvor“, spielt er auf Richard Nixon an, der nach einem Jahr der Proteste 1968 die Wahl für sich entschied.

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