Politik

Coronavirus Vereinigte Staaten verzeichnen mit 66 627 Neuinfektionen an einem Tag einen Höchststand

USA mit traurigem Rekord

Archivartikel

Washington.Christopher McLain fällt jeden Morgen auf die Knie. Der Chefarzt des Krankenhausnetzwerks ,,Roper St. Francis“ in Charleston fleht dann Hilfe gegen das tödliche Virus aus dem Himmel herbei. Denn er weiß, dass er hier unten auf der Erde im US-Bundesstaat South Carolina nicht viel Unterstützung zu erwarten hat. Im Kontrast zu den vollmundigen Behauptungen des Präsidenten fehlt es an vielem: Masken, persönliche Schutzausrüstung, Tests – und guten Vorbildern. Der republikanische Gouverneur von South Carolina, Henry McMaster, rät zwar, Maske zu tragen, tut es aber selber so selten wie Donald Trump.

Die Situation ist seit der übereilten Öffnung der Wirtschaft und Strände im April komplett außer Kontrolle geraten. Die bis dahin flache Kurve schnellte in South Carolina steil in die Höhe. Aktuell hat der Südstaat am Atlantik 999 Prozent mehr Fälle als zu Beginn der Lockerungen im April. ,,Hier wird es schlimmer als in New York sein“, sagte eine Schwester in Charleston einem Reporter des ,,Daily Beast“ über ihren Alltag in der Notaufnahme. Mit mehr als 1400 Covid-Patienten sind die Krankenhäuser so voll, dass die Nationalgarde helfen muss.

Warnungen in Wind geschlagen

Weiter nördlich in Horry County mit seinen vollgepackten Stränden und Golfplätzen um Myrtle Beach kommen täglich mindestens 100 nachgewiesene Neuerkrankungen hinzu. Eine Katastrophe mit Ansage. Brenda Bethune, die republikanische Bürgermeisterin von Myrtle Beach, verkauft sie als wirtschaftliche ,,Überlebensentscheidung“. ,,Wir haben eine Zunahme der Fälle erwartet, nachdem Leute aus anderen Gebieten zu uns kamen“, sagt Bethune der „Washington Post“. ,,Aber wovon sollen unsere Familien hier ihre Rechnungen bezahlen, wenn alles geschlossen hat und die Leute keine Arbeit finden?“

Covid-19 für Brot – das ist die Logik in Trumps Amerika, das die Warnungen seiner führenden Infektologen, wie Anthony Fauci vom National Institute of Health, in den Wind geschlagen hat. Angepeitscht von einem Präsidenten, der die Injektion von haushaltsüblichen Desinfektionsmitteln gegen den tödlichen Erreger empfahl, überboten sich republikanische Gouverneure im Süden und Westen der USA darin, ihre Bundesstaaten zu öffnen. Nur, das Virus interessiert sich nicht dafür, ob Trump und seine Verbündeten an Covid-19 ,,glauben“.

Es tut, was Epidemiologen vorausgesagt haben, wenn nicht genügend getestet, Abstandsregeln nicht eingehalten und ein Kulturkrieg um das Tragen von Masken geführt wird. Selbst die Corona-Koordinatorin der US-Regierung, Deborah Birx, muss einräumen, dass es nun ,,erhebliche Probleme“ in Staaten gibt, die im Frühjahr vorgeprescht sind.

Epizentrum Florida

Dazu gehören der Südstaat Georgia, wo die Kurve um 245 Prozent anstieg, Texas mit 680 Prozent mehr Fällen, Arizona (858 Prozent) und an der Spitze Florida mit 1393 Prozent Wachstum an Covid-19-Fällen. Der neue Wohnsitz Trumps, der Bundesstaat Florida, ist mit einem Fünftel aller Neuerkrankungen in den USA das neue Epizentrum. Mit täglich mehr als 10 000 positiven Tests wütet das Virus im Sonnenstaat wie nirgendwo sonst. Doch der republikanische Gouverneur Ronald de Santis tut so, als ob nichts wäre: ,,Wenn jeder sein Leben genießt und das verantwortlich tut, wird alles gut sein.“ Am Wochenende hat Disney World wieder seine Pforten geöffnet: Die Show muss weitergehen.

Das Weiße Haus hat es erkennbar aufgegeben, die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, sondern setzt darauf, die Toleranz der Amerikaner für immer neue Rekorde bei Infektionen und Toten zu erhöhen. Gleichzeitig wettert der Präsident gegen das ,,chinesische Virus“, erklärt den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation und will ausländische Studenten ausweisen, die nur noch Online-Kurse belegen.

Immer mehr Amerikaner erleben die Situation als bedrückend. Die Pandemie hat in den USA bereits mehr Menschenleben gefordert als der Erste Weltkrieg. Mehr als 134 000 Menschen starben bereits. Und es werden noch weitere folgen. Christopher Murray vom ,,Institute for Health Metrics and Evaluation“ in Washington State rechnet mit mehr als 208 000 Toten bis zum Wahltag im November.

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