Politik

Verletzliches Deutschland

Hat man wirklich gedacht, Deutschland sei der unverletzliche Siegfried der Weltwirtschaft? Dieser naive Glaube geht langsam zu Ende. Die Schwachstelle der deutschen Wirtschaft ist nicht klein wie das Lindenblatt auf der Schulter des Nibelungen-Helden. Sondern so groß wie der ganze Mann. Es ist die Verwobenheit mit nahezu allen Ebenen der Weltwirtschaft. Die Einschläge kommen näher.

Just während der Bekanntgabe der Herbstprognose erlebten die Aktienmärkte einen mittleren Crash. Aktienkurse spiegeln Erwartungen an die nächste Zukunft wider. Und die steht nicht mehr in den Sternen, sondern wird immer klarer: Global ist es die Gefahr von Handelskriegen, die Gift für die exportorientierte deutsche Wirtschaft sind. Es gibt weitere Großrisiken, darunter die überhitzten Finanzmärkte.

Politisch drohen Konfrontationen auf vielen Ebenen, von denen nicht klar ist, ob sie alle unter Kontrolle bleiben werden. USA-Russland, Europa-Russland, USA-Iran, Iran-Israel, Türkei-Syrien, China-Japan, Nordkorea-Südkorea. In Europa wachsen andere Probleme. Brexit, Italiens Defizit, die zunehmende politische und bald auch wieder kulturelle Entfremdung zwischen den EU-Partnern.

Dazu kommen die hausgemachten Fehler Deutschlands. Das Verschlafen der digitalen Zukunft. Die Schwäche der Autoindustrie, die sich ins technologische Abseits manövriert hat. Der weiterhin große Niedriglohnsektor und die große Belastung mit Steuern und Abgaben, die den Privatkonsum dämpfen.

Die hiesige Wirtschaft ist stark. Aber nicht unverwundbar. Deutschland müsste jetzt alles tun, um sich mehr zu immunisieren, es müsste sozusagen in Drachenblut baden wie weiland Siegfried. Dazu gehören die Stärkung der Binnennachfrage und des privaten Konsums, Entlastungen der Wirtschaft, das Vorziehen von Zukunftsinvestitionen und Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Wirtschaftsminister Altmaier sieht das alles durchaus. Doch er ist nur ein recht einsamer Rufer in der Wüste. Ein viel zu leiser noch dazu.