Politik

Wissenschaft Kommunikationsexperte Thomas Wind kritisiert Methoden der Meinungsforscher zur Daten-Gewinnung / Schwankungen müssen beachtet werden

„Viele Umfragen sind wenig repräsentativ“

Archivartikel

Berlin.Kaum ein Tag vergeht ohne eine neue Umfrage. Nicht wenige hätten jedoch eine sehr eingeschränkte Aussagekraft, kritisiert der Geschäftsführer des Heidelberger Instituts für Zielgruppenkommunikation, Thomas Wind.

Herr Wind, zweifeln Sie am Höhenflug der Union, wie sich das in vielen Umfragen widerspiegelt?

Thomas Wind: Nein. In Krisenzeiten wie jetzt liegen die Sympathien immer bei denen, die sich kümmern und die am meisten sichtbar sind. Und das ist aktuell die Union mit der krisenerprobten Kanzlerin. Dazu kommt, dass die Leute in Krisen vor allem Sicherheit suchen, und das spielt konservativen Parteien in die Karten. Der Juniorpartner in der Regierung kommt in solchen Zeiten immer etwas schlechter weg. Bei der SPD kommt speziell hinzu, dass sie immer noch in einer Vertrauenskrise steckt. Das Hartz-IV-Trauma ist für sie noch nicht überwunden.

Was stört Sie an der Meinungsforschung?

Wind: Die Zahlen der Meinungsforschung sind für Politik und für Medien eine enorm wichtige Leitwährung. Im Moment zum Beispiel Erhebungen der Akzeptanz der Corona-Maßnahmen. Zentral ist dabei die Verlässlichkeit dieser Zahlen. Aber die Meinungsforschung hat ein massives Problem mit der Repräsentativität, eigentlich das Gütesiegel jeder Umfrage. Weil immer mehr Menschen nur noch mobil erreichbar sind oder die Teilnahme an Befragungen verweigern, ist die Repräsentativität immer weniger zu gewährleisten.

Gilt das auch für Online-Umfragen?

Wind: Online kann ich zwar eine große Zahl von Menschen erreichen, die bereit sind, an Umfragen teilzunehmen. Zum einen werden im Netz aber nach wie vor bestimmte soziale Gruppen nur schlecht erreicht. Und – noch wichtiger – es gibt im Netz keine Zufallsauswahl, sondern die Teilnehmer melden sich selbst an. Es gibt aber keine echte Repräsentativität ohne Zufallsauswahl.

Demoskopen verweisen auf eine Gewichtung ihrer gewonnenen Rohdaten. Gleicht das nicht vieles aus?

Wind: Da werden dann die Meinungen bestimmter Zielgruppen, die in einer Stichprobe unterrepräsentiert sind, hochgerechnet. Doch da hat jedes Institut ein eigenes Rezept, das es als Betriebsgeheimnis behandelt. Was bei der Publikation oft ausgeblendet wird: Das sind keine „harten Zahlen“, sondern die Ergebnisse bewegen sich immer innerhalb eines Fehlerkorridors. Wenn man beispielsweise liest, eine Mehrheit von 52 Prozent meint dieses oder jenes, dann können das auch 48 oder 56 Prozent sein. Diese Schwankungsbreiten sind aber oft nur im Kleingedruckten ausgewiesen. In den Schlagzeilen findet das nicht statt, weil es hier auf die eine prägnante Zahl ankommt.

Das heißt, Meinungsumfragen können demnach auch selbst manchmal meinungsbildend sein?

Wind: Das ist noch nicht umfassend erforscht. Aber es ist anzunehmen, dass es da Echoeffekte gibt. Und oft stellen die Meinungsforscher ja auch Fragen, die sich die Befragten selbst vielleicht noch nie gestellt haben. Unter Zugzwang wird dann auf herrschende Meinungen zurückgegriffen, die zum Beispiel in den klassischen oder den sozialen Medien kursieren.

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