Politik

Rechtsextremismus Wie die Ermittlungen im Fall Lübcke abliefen / An diesem Dienstag beginnt der Mord-Prozess

Vom Mord bis zur Anklage

Archivartikel

Frankfurt/Kassel.Ein Politiker wird kurz vor seinem Ruhestand erschossen: Ein Motiv ist nicht erkennbar, Verdächtige fehlen. Mit dieser Ausgangslage begann vor einem Jahr die Ermittlung in einem der größten Kriminalfälle Deutschlands. Der Polizei gelang ein schneller Erfolg. 14 Tage vergingen bis zur Festnahme von Stephan E., einem 46-jährigen Familienvater. Er soll Kassels Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 erschossen haben. An diesem Dienstag stehen E. und ein mutmaßlicher Unterstützer vor dem Oberlandesgericht Frankfurt.

Als eine Spezialeinheit das Haus von E. in Kassel stürmt und den Deutschen festnimmt, liegt die Hauptarbeit vor den Ermittlern. Nur eine DNA-Probe am Opfer hatte die Verbindung zu E. ergeben – der 46-Jährige war wegen rechtsextremistischer Straftaten in der Datenbank.

E. war Polizei und Verfassungsschutz gut bekannt – zumindest zeitweise. Unter anderem legte er 1989 ein Feuer im Keller eines Mehrfamilienhauses mit türkischen Bewohnern im Rheingau-Taunus-Kreis. 1992 stach er am Wiesbadener Hauptbahnhof auf einen ausländischen Mitbürger ein. 1993 verübte er einen Anschlag mit einer Rohrbombe auf ein hessisches Asylbewerberheim. 1994 schlug er in der U-Haft mit einem Stuhlbein auf einen ausländischen Mitgefangenen ein. 2009 war Stephan E. in Dortmund an einem Angriff von Rechtsextremisten auf eine 1.-Mai-Kundgebung des DGB beteiligt. Nach der Festnahme übernahm die Bundesanwaltschaft den Fall. Denn auch der Mord an Lübcke sei ein politisches Attentat mit rechtsextremistischem Hintergrund, glaubten die Ermittler. E. gesteht die Tat. Auf dem Gelände seines Arbeitgebers in Kassel findet die Polizei ein Waffenlager und die Tatwaffe. Seine Aussage führt zu weiteren Festnahmen.

Auch ein Motiv wird erkennbar. So sollen der Hauptverdächtige und Lübcke 2015 aufeinandergetroffen sein: Bei einer Bürgerversammlung verteidigte der Regierungspräsident die Aufnahme von Flüchtlingen. Auf Schmährufe aus dem Publikum rief er: „Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist, das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“ Dieser Satz verbreitete sich im Internet und machte Lübcke zur Hassfigur von Rechten.

Zur Tatnacht gibt es unterschiedliche Versionen. Die der Ermittler kann man in der Anklage nachlesen: Demnach fährt Stephan E. am Abend des 1. Juni nach Wolfhagen-Istha, einem 900-Einwohner-Dorf bei Kassel. Der Familienvater will den CDU-Politiker töten. Den Tag hat er bewusst gewählt, weil im Ort eine Kirmes stattfindet.

Kurz vor Mitternacht nähert sich E. dem Wohnhaus, das am Ortsrand steht. Lübcke sitzt rauchend auf der Terrasse. E. schleicht sich heran. Aus kurzer Entfernung schießt er Lübcke mit einem Revolver in den Kopf. Seine Familie findet den Politiker später auf der Terrasse, in der gleichen Nacht wird sein Tod festgestellt. Diese Version stützt sich auf das Geständnis von Stephan E. nach seiner Festnahme. Doch dies widerrief der Angeklagte mittlerweile. dpa

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