Politik

USA Alexandria Ocasio-Cortez überraschte durch ihren Erfolg bei den Vorwahlen in New York / Nun sind die Erwartungen an sie hoch

Von der Bar in den Kongress

Washington.Mit 28 Jahren wäre sie die jüngste Abgeordnete im US-Kongress. Sie gehört zu der Phalanx an Frauen, die in Donald Trumps Amerika in die Politik strömen, um etwas zu ändern. Und sie hat als Angehörige einer Familie, deren Wurzeln in Puerto Rico liegen, dunkle Haut. Damit ist Alexandria Ocasio-Cortez vieles, was Bernie Sanders nicht ist. Und empfiehlt sich genau deshalb als neue Banner-Trägerin der amerikanischen Linken.

Zumal sie inhaltlich ansonsten große Schnittmengen hat mit der 76-jährigen Ikone der Graswurzelbewegung. Wie Sanders versteht sich die Kongress-Kandidatin aus der Bronx als „Demokratische Sozialistin“. Ocasio-Cortez tritt für eine aus Steuermitteln finanzierte Krankenversicherung für alle ein, engagiert sich als Anwältin für die Gleichberechtigung aller Geschlechter und Ethnien, setzt sich für die Reform der Strafjustiz sowie der Abschaffung der Einwanderungspolizei ICE ein und verlangt staatliche Jobgarantien sowie Löhne, von denen man auch in Städten wie New York leben kann.

„Ich denke, wir erleben gerade eine Krise des Spät-Kapitalismus, in der Menschen 60, 70 Stunden in der Woche arbeiten und davon ihre Familien nicht ernähren können“, sagt die junge Frau, die selber in einer Einzimmer-Wohnung in der wenig wohlhabenden Parkchester-Nachbarschaft lebt.

Geld dazu verdient

Bis vor kurzem kellnerte sie noch in der Taco-Bar „Flats Fix“ am Union Square. Dort verdiente sie Geld hinzu für die Rückzahlung ihrer Studienschulden, die sie zum Besuch der Boston University machen musste.

Während des Studiums verstarb ihr Vater an Lungenkrebs. Ihre Mutter konnte die Hypothek und die Rechnungen für den Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen. Sie musste ihr kleines Haus aufgeben und zog in das deutlich günstigere Florida. Dort verdingt sie sich heute als Sekretärin.

Ihrem Vater versprach die ehrgeizige Alexandria am Totenbett, „ihn stolz zu machen“. Sie schloss ihr Studium der Volkswirtschaft und internationalen Beziehungen mit Top-Noten ab, arbeitete für das Büro des verstorbenen Senators Ted Kennedy und engagierte sich als Freiwillige in den Präsidentschafts-Wahlkämpfen Barack Obamas und Bernie Sanders’. Dann entschloss sie sich, im 14. Kongressbezirk von New York, einem der demokratischsten Wahlkreise in den USA, selber einen ranghohen Demokraten im Repräsentantenhaus herauszufordern. Sie erwischte den unbekümmerten Zentristen Joseph Crowley auf dem falschen Fuß und triumphierte am Wahltag. Die Aktivistin begriff wie Donald Trump und Barack Obama, dass sich in einem System, in dem nicht einmal die Hälfte der Menschen wählen geht, und bei Vorwahlen noch sehr viel weniger, Mobilisierung der Nichtwähler den Unterschied macht.

Wahl gilt als sicher

Bei ihren zigtausend Hausbesuchen stellte Ocasio-Cortez eine Menge „ökonomischer Niedergangsszenarien“ fest. „Deshalb sind die Leute so empfänglich für Veränderungen.“ Ihre Wahl im November gilt in der demokratischen Hochburg als sicher. Ob sie die hohen Erwartungen erfüllen kann, die Amerikas Linke in die junge Frau setzt, weiss sie selber nicht. „Das ist eine schwere Last“, sagte sie dem „New Yorker“.

Wie schwer es wird, erfuhr sie bei den Vorwahlen für die Gouverneurswahlen in Michigan. Dort hatte sie den progressiven Muslim Abdul El-Sayed unterstützt. Der aussichtsreiche Kandidat unterlag am Dienstag Gretchen Whitmer, die als Vertreterin der Moderaten in der Demokratischen Partei angetreten war.