Politik

Vorbeugen

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Es ist müßig, angesichts der nächtlichen Ausschreitungen in Frankfurt oder zuvor in Stuttgart nach der Herkunft der Täter zu fragen und einen Migrationshintergrund zu vermuten oder gegebenenfalls zu betonen. Einen Migrationshintergrund hat in Städten wie Stuttgart, Frankfurt oder Mannheim jeweils rund die Hälfte der Bevölkerung, so dass damit noch recht wenig über Gewaltbereitschaft ausgesagt ist.

Vor allem aber ist es wenig zielführend, damit nur eine Art Symptombeschreibung zu versuchen. Tatsächlich hilfreich könnte es aber sein, nach ursächlichen Auslösern zu fragen und daraus Initiativen abzuleiten.

Es ist ja so, dass gerade Jugendlichen zu diesen Coronazeiten alle gewohnten Treffpunkte genommen sind. Bars, Clubs, Diskotheken haben geschlossen, Begegnungen in größeren Gruppen waren lange reglementiert. Es erscheint völlig logisch, dass sich die Treffen damit in den öffentlichen Raum verlagern und zudem von einem gewissen höheren Frustpotenzial wegen der Einschränkungen begleitet sind.

Ob Eckensee in Stuttgart, Fahnenmast am Rhein in Mannheim oder Opernplatz in Frankfurt – irgendwo müssen sich die jungen Menschen doch treffen können. Wer ihnen dann auch noch diesen eigenen Rückzugsraum zu nehmen droht, entlädt geradezu die angestaute Unzufriedenheit.

Die Corona-Maßnahmen haben insbesondere unter Jugendlichen zu höherer Arbeitslosigkeit geführt, die Zahl der Ausbildungsplätze verringert, und manch’ Auszubildender wurde noch während der Lehrzeit entlassen. Welche Perspektive bietet denn diese unsere Gesellschaft, die von der jungen Generation überdies erwartet, den steigenden Schuldenberg abzutragen? Welche Foren stehen zur Verfügung, um die Unzufriedenheit aufzufangen?

Hier muss vorausschauende Politik ansetzen und Sozialarbeiter auf die Straßen schicken – um zu sprechen, zu verstehen und Perspektiven aufzuzeigen. Wie hoch ist in den Corona-Hilfspaketen der Anteil für Projektarbeit mit Jugendlichen, welche Instrumentarien stehen für jugendgerechte Angebote zur Verfügung?

Eine solche deeskalierende Arbeit im Vorfeld einer absehbaren Krisensituation entlastet darüber hinaus auch diejenigen, die jetzt leider Zielscheibe des Ärgers und der Enttäuschung sind: die Polizeibeamten. Sie sollen auffangen und dafür geradestehen, was bis jetzt unterlassen wurde, nämlich eine spürbare Aufstockung der präventiven Jugendsozialarbeit.

Noch ist es dafür nicht ganz zu spät, doch ist das dringlicher denn je. Jetzt im Sommer finden junge Menschen im Freien den Raum, sich zu treffen. Was aber, wenn es Winter und dann auch draußen ungemütlich ist?

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