Politik

Gesundheit II Thomas Kirschning, Transplantationsbeauftragter am Klinikum Mannheim, bedauert Ablehnung des Widerspruchsrechts

„Wäre historische Chance gewesen“

Mannheim.Mit der Abstimmung gegen die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) favorisierte doppelte Widerspruchslösung bei Organspenden hat die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten nach Expertenmeinung gestern wenig Mut bewiesen. Thomas Kirschning, geschäftsführender Oberarzt und leitender Transplantationsbeauftragter des Universitätsklinikums Mannheim, findet, dass eine historische Chance vertan wurde.

Herr Kirschning, die Mehrheit im Bundestag hat sich für eine moderate Reform des Transplantationsgesetzes ausgesprochen. War das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn favorisierte doppelte Widerspruchsrecht zu radikal?

Thomas Kirschning: Möglicherweise sind wir gesellschaftlich noch nicht so weit. In der Debatte ist zu kurz gekommen, dass die erweiterte Zustimmung und die Widerspruchs-variante gar nicht so weit auseinander liegen. Auch bei der Zustimmungslösung muss ich widersprechen, wenn ich keine Organe spenden will. Außerdem hat die Wortwahl „automatisch“ vielleicht auch manchen Entscheider abgeschreckt. Dass man sich „grundsätzlich“ zur Organspende bereit erklärt, wäre die bessere Formulierung gewesen.

Laut Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen stimmen 61 Prozent der befragten Bürger der Widerspruchslösung zu. Sind wir gesellschaftlich also doch schon so weit?

Kirschning: Ich habe auch in meinem Umfeld viele Stimmen gehört, die Spahns Entwurf zugestimmt hätten. In der Politik hat das vielleicht etwas mit fehlendem Mut zu tun und der Angst vor zu harscher Kritik.

Sie hätten also auch für die Widerspruchslösung gestimmt?

Kirschning: Unbedingt. Wir haben 84 Prozent, die der Organspende zustimmend gegenüberstehen. Warum dieses positive Signal nicht nutzen und in ein entsprechendes Gesetz gießen? Es wäre eine historische Chance gewesen, für die Organspende etwas zu tun.

Reicht es aus, die Bürger alle zehn Jahre nach ihrer Haltung zur Organspende zu fragen?

Kirschning: Nein. Wir haben ja jetzt schon Kampagnen. Die Krankenkassen sind angehalten, ihre Mitglieder regelmäßig zum Thema zu informieren. Hilfreicher ist der Ansatz, die Hausärzte in die Pflicht zu nehmen.

Was halten Sie von dem geplanten Organspender-Register?

Kirschning: Eine solche Datenbank hilft vor allem Angehörigen, die den Willen ihres verstorbenen Verwandten nicht kennen, bei der Entscheidungsfindung. Viel wichtiger ist aber, frühzeitig mit den Angehörigen über das Thema zu sprechen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach noch, um mehr Menschen zur Organspende zu bewegen?

Kirschning: Transparenz ist ganz wichtig. Dazu gehört auch die Information, dass die Organspende ein absolut seltenes Ereignis ist. Von 1000 Patienten erleidet je nach Unfall oder Erkrankung höchstens einer einen Hirntod und wird so zum potenziellen Organspender. Die Wahrscheinlichkeit, zum Spender zu werden, ist also denkbar gering.

Das Interview wurde telefonisch geführt und Thomas Kirschning vor Veröffentlichung vorgelegt.

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