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USA Corona hat längst das Weiße Haus erreicht, doch das Virus entpuppt sich zusehends als Verstärker sozialer Ungleichheiten

Warum Krise Minderheiten härter trifft

Archivartikel

Washington/London.„Wir sitzen alle im selben Boot“ – der Spruch scheint für die Corona-Krise zu stehen wie kein anderer. Das Virus hat nicht Halt gemacht vor Schauspielern wie Tom Hanks, Prinz Charles oder dem britischen Premierminister Boris Johnson. Im Weißen Haus in Washington rückt Corona immer näher an Präsident Donald Trump heran, zuletzt wurde auch die Pressesprecherin des Vize-Präsidenten positiv getestet. Doch gerade in den USA wird deutlich, dass das Virus eben nicht alle gleichermaßen trifft.

Virus trifft viele Afroamerikaner

In den USA ist es – wie zum Beispiel auch in Großbritannien – üblich, bei Ämtern oder beim Arzt die ethnische Zugehörigkeit anzugeben. Die Daten sollen offenlegen, welche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen bestehen, um gezielt gegen die Ungleichheiten vorzugehen. „Es ist verheerend“, sagte Chicagos Bürgermeisterin Lori Lightfoot, nachdem sich abgezeichnet hatte, dass das Coronavirus Afroamerikaner besonders stark betrifft. In Chicago sind nach Behördenangaben fast 50 Prozent der Corona-Toten schwarz, dabei machen sie nur 30 Prozent der dortigen Bevölkerung aus. In der Hauptstadt Washington waren von mehr als 300 Toten mehr als 250 Afroamerikaner. In New York City machen Schwarze und Latinos mehr als 60 Prozent der Toten aus, die nach einer Corona-Infektion starben.

Aber was sind die Gründe? Aus einer Erhebung der Stadt New York geht hervor: Schwarze und Latinos machen einen Großteil der unverzichtbaren Beschäftigten in der Krise aus, der „Frontarbeiter“, wie sie genannt werden. 60 Prozent des Personals in der Gebäudereinigung sind Latinos. 33 Prozent der Fernfahrer, Lagerarbeiter oder Mitarbeiter bei der Post sind Schwarze, 27 Prozent Latinos. Mehr als 40 Prozent der Beschäftigten im Öffentlichen Nahverkehr sind Schwarze. All das sind Jobs, die nicht von Zuhause erledigt werden können und in denen die Menschen verhältnismäßig weniger verdienen. Der Journalist George Packer fasst es in der Zeitschrift „The Atlantic“ so: In reichen Städten gebe es eine Schicht global vernetzter Schreibtischarbeiter, „die von einer Klasse prekärer und unsichtbarer Arbeitskräfte abhängig sind“.

Angehörige von Minderheiten leben zudem öfter auf engem Raum und in Mehr-Generationen-Haushalten zusammen, wie der oberste Gesundheitsbeamte der US-Regierung, Vizeadmiral Jerome Adams, erklärte. Hinzu komme, dass Schwarze häufiger unter Diabetes, Herz- und Lungenerkrankungen litten. Die Gesundheitsbehörde CDC führt solche Unterschiede unter anderem auf finanzielle und soziale Bedingungen zurück.

In Großbritannien stellten Experten fest, dass Schwarze im Fall einer Corona-Infektion ein mehr als vierfach höheres Sterberisiko haben als Weiße. Eine Studie der Universität Oxford und der London School of Hygiene and Tropical Medicine bestätigt dies. Helen Barnard von der Joseph Rowntree Foundation schließt daraus: „Wir müssen alle denselben Sturm überstehen, sitzen aber nicht im selben Boot“. 

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