Politik

Interview Historiker Hiram Kümper von der Universität Mannheim über die Bedeutung der Corona-Krise und künftige Schulbücher

„Wir schreiben gerade Geschichte“

Archivartikel

Mannheim.Was heute Alltag ist, steht vielleicht eines Tages mit Zeitzeugenaussagen und Belegen in Geschichtsbüchern, da ist sich Hiram Kümper, Geschichtsprofessor an der Universität Mannheim, sicher. Zudem eigne sich das Beispiel der Corona-Krise besonders gut, um Schülern Kompetenzen und Wissen beizubringen, die Geschichtsunterricht leisten können muss.

Herr Kümper, kennen Sie diese Duschgedanken? Man steht unter der Dusche, lässt die Gedanken schweifen und auf einmal denkt man: Werden wir im Geschichtsbuch stehen?

Hiram Kümper: Ja, die sind gefährlich, keine Frage.

Das Coronavirus ist ja nicht die erste Epidemie, mit der wir zu tun haben. Was macht dieses Virus so außergewöhnlich?

Kümper: Genau, wir hatten ja verschiedene Agrargrippen, die sich immer mehr häufen, je industrieller unser Umgang mit Tieren wird. Gerade durch die Globalisierung werden solche Krankheiten schneller verbreitet. Aber diesmal beschränkt sich das Coronavirus nicht auf einen Wirtschaftszweig, sondern betrifft alle und sehr stark den Alltag.

Wäre das ein Grund, zu sagen, die Corona-Krise wäre durchaus etwas für Stundenpläne?

Kümper: Das Virus wird zukünftiger Schulstoff sein, da bin ich sicher. Aber der Weg ins Schulbuch ist ein relativ langer und ist nicht zu verwechseln mit dem, was im Unterricht wirklich passiert. Neben den zu erlernenden Kompetenzen gibt es immer wieder Kernthemen, die vom jeweiligen Bundesland in Bildungsplänen vorgeschrieben werden. Die letzte Aktualisierung der Pläne in Baden-Württemberg war 2016. Es könnte sogar sein, dass sie durch oder nach der Corona-Krise angepasst werden – und diese dann auch in den Bildungsplänen auftaucht.

Hinken Schüler in Geschichte demnach nicht immer weit hinterher?

Kümper: Bis ein neues Schulbuch geschrieben, genehmigt ist und von einer Schule gekauft wird, können schnell mal zehn Jahre und mehr ins Land gehen. Durch Zusatzmaterialien wird Corona aber sicher schon bald im Schulunterricht ankommen. Solche Zusatzmedien gewinnen immer größeren Zuspruch bei den Lehrkräften. Denn Aktualität ist wichtig im Geschichtsunterricht. Aber da kommen Schulbücher eben nicht hinterher. Bis die ersten Schüler Bücher in den Händen halten, die die Corona-Krise beinhalten, ist die Krise an sich schon wieder ein alter Hut – hoffe ich jedenfalls.

Was wird zum Coronavirus einmal in Schulbüchern stehen?

Kümper: Das Coronavirus wird sicherlich in ähnlicher Form vorkommen wie die Pest im Mittelalter. Dabei wird es weniger um den medizinischen Aspekt gehen, der aktuell relevant ist, sondern ihre Folgen: Es sterben viele Leute, es kommt zu wirtschaftlichen Problemen, gerade bei der Pest litt die Landwirtschaft stark, weil alle in die Stadt zogen. Und dann noch die Verschwörungstheorien . . . Aber man kann aus der Geschichte lernen, auf was für eine Probe solche Krisen gesellschaftlichen Zusammenhalt stellen. Auch die Corona-Pandemie bringt ja nicht nur viel Solidarität, sondern in manchen auch das Schlechteste hervor – ganz alltäglich, im Benehmen untereinander, aber eben auch auf politischer Ebene. Es gibt also schon Parallelen, an denen man die Kompetenzen stärken kann, um die es im Geschichtsunterricht geht. Aus Schülern sollen ja reflektierte Bürger werden. Geschichte ist eigentlich ein Fach für Politische Bildung. Das kann man an so einem Beispiel sehr gut sehen.

Was macht ein historisches Ereignis aus?

Kümper: Typischerweise definiert man das über die Wirkung. Das ist natürlich selbst auch ein Begriff, über den man streiten kann. So werden manche Ereignisse erst im Nachhinein als historische erkannt. Um historisch zu sein, muss ein Ereignis entweder in seiner aktuellen Zeit strukturbildend gewirkt haben – also irgendwie den weiteren Geschichtsverlauf verändert haben, weil es die Strukturen verändert hat, wie zum Beispiel ein politisches System. Oder es müsste durch spätere Erinnerung daran Wirkung entfaltet haben. So können auch auf den ersten Blick banale Ereignisse langzeitig wirken. Das sind häufig symbolische Akte wie der Kniefall von Willy Brandt.

Wir schreiben also gerade Geschichte?

Kümper: Wir schreiben, was Corona angeht, ganz, ganz sicher gerade Geschichte. Das tut man eigentlich immer – und zwar gar nicht so bewusst. Weil wir alle jetzt gerade die Überlieferung bilden, die dann Historiker zukünftig benutzen werden. Deshalb sammeln Institute, Museen und Archive jetzt schon Material. Wenn bewusst und konkret gesammelt wird, können alle möglichen Kontextinformationen mit aufgenommen werden. Die Kuratoren haben somit die verantwortungsvolle Aufgabe, der Gesellschaft und den Historikern etwas zu hinterlassen, das wirklich exemplarisch für diese Erinnerung an Corona ist – und nicht total verzerrt.

Wie schätzen Sie den Umgang mit Corona aus geschichtlicher Perspektive ein?

Kümper: Ich glaube, ich finde es ganz gut, dass schon so frühzeitig für eine geordnete Sammlung gesorgt wird, um an Corona zu erinnern. Ich bin aber auch gespannt, wie wir in zehn Jahren darauf gucken werden. Weil es ja ein ungewöhnliches Verfahren ist, während etwas passiert, das Erinnern daran zu sichern. So richtig absehen kann ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wenn wir das zum Beispiel bei der Auflösung der DDR so gemacht hätten, wäre auch unsere Erinnerung an das Ende der DDR wahrscheinlich anders. Für Historiker ist es nicht nur vom Gegenstand her spannend, sondern auch vom Umgang mit diesem Gegenstand – wir können aber erst in ein paar Jahren sehen, wie dieser Umgang funktioniert hat. Ob es ein verzerrtes Bild oder ein viel genaueres Bild von Corona gibt. Beides ist möglich.

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