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Corona Bundesrepublik kein Musterknabe mehr, aber in Ländern wie Großbritannien oder Tschechien grassiert das Virus sehr stark

Wird Deutschland zum Sorgenkind in Europa?

Archivartikel

Berlin.Ab diesen Montag geht Deutschland in den verschärften Lockdown. Die Corona-Zahlen des einstigen Musterknaben in Europa sind zuletzt wieder stark gestiegen. Am Sonntag wurden 162,2 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen gemeldet. Einige große europäischen Länder kommen bei dieser Sieben-Tage-Inzidenz auf einen besseren Wert. Wird Deutschland jetzt zum Sorgenkind? Ein Überblick über einige Länder:

Frankreich: Insgesamt verzeichnet das Land mehr als 2,8 Millionen Corona-Infektionen (Deutschland: knapp zwei Millionen) und über 67 000 Todesfälle (Deutschland: mehr als 40 000). Zuletzt gab es 154 neue Infektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen. Seit Dezember gilt eine Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr. Ab diesem Montag soll der Beginn der Ausgangssperre in einem Drittel aller Départements auf 18 Uhr vorverlegt werden. Bis Sonnabend wurden erst 80 000 Franzosen geimpft – in Deutschland waren es mehr als 530 000.

Italien: Zwischen Weihnachten und Neujahr hatten sich Italiener zu traditionellen Familientreffen ohne Maske versammelt. Folge: Die Zahl der Infektionen stieg auf knapp 2,3 Millionen, mehr als 78 000 starben bislang an Covid-19. Zuletzt betrug die Sieben-Tages-Inzidenz 150. In Italien gilt eine Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr. Bis Samstag wurden etwa 580 000 Italiener geimpft.

Polen: Derzeit nur rund 40 Prozent der Menschen wollen sich impfen lassen, obwohl bereits rund 1,4 Millionen Infektionen und mehr als 31 000 Tote zu beklagen sind. Das Infektionsgeschehen hat sich abgeflacht. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 158 – im November betrug sie 473. Debattiert wird nun über Lockerungen des Lockdowns, der ähnlich wie zuletzt in Deutschland gefasst war: Geschäfte und Restaurants mussten dichtmachen.

Spanien: Nach den Weihnachtsferien mit vielen Familienfeiern wird Spanien von der dritten Viruswelle überrollt. Besonders steil steigt die Kurve auf Mallorca und in Madrid. Die Sieben-Tage-Inzidenz beträgt dort fast 280. Spanienweit kletterte die Fallhäufigkeit auf 184. Insgesamt verzeichnet das Land mehr als zwei Millionen Infektionen und rund 52 000 Todesfälle. Landesweit wurden 278 000 Menschen geimpft.

Großbritannien: Der frühe Start der Impfkampagne zahlte sich nicht aus. Ein mutiertes Virus mit hohem Ansteckungsgrad breitet sich rasant aus. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei rund 640. Mehr als drei Millionen Menschen haben sich angesteckt, etwa 81 000 Menschen sind gestorben. Am Dienstag verhängte Premierminister Boris Johnson einen extrem harten Lockdown, der bis Mitte März dauern könnte. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Läden geschlossen, höchstens einmal am Tag darf man die Wohnung verlassen. Bislang sind rund 1,5 Millionen Bürger geimpft worden.

Schweden: Das Land hält grundsätzlich an seinem Sonderweg fest. Zwar gibt es immer mehr Einschränkungen wie die Schließung von Bars und Restaurants ab 20 Uhr. Aber alle Geschäfte bleiben geöffnet. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei rund 400. Insgesamt sind knapp 9500 Menschen gestorben. Bislang haben sich fast 500 000 Menschen angesteckt. Anfang der letzten Dezemberwoche bekam Schweden 80 000 Impfdosen, in der vergangenen Woche waren es 88 000. Für diese Woche sind 100 000 angekündigt.

Österreich: Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Alpenrepublik liegt konstant bei 170. Insgesamt haben sich mehr als 380 000 Menschen angesteckt, rund 6700 sind gestorben. Seit 26. Dezember sind fast alle Geschäfte geschlossen. Ausgangsbeschränkungen gelten nicht mehr nur nachts, sondern auch tagsüber. Der Lockdown wurde bis zum 24. Januar. verlängert. Bisher wurden weniger als 10 000 geimpft.

Tschechien: Dort steigen die Fallzahlen wieder exponentiell. Dabei war die Sieben-Tage-Inzidenz zunächst von 840 im Oktober auf etwa 200 vor Weihnachten zurückgegangen. Doch nun liegt der Wert wieder bei 725. Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, die Ausgangssperre gilt von 21 bis 5 Uhr. Insgesamt verzeichnet Tschechien mehr als 831 000 Infektionen und 13 115 Covid-19-Tote. Mediziner üben scharfe Kritik an der Impfkampagne. Milan Kubek, Präsident der tschechischen Ärztekammer: „Wir haben bislang nur ein paar Spelunken, die unsere Regierung als Impfzentren ausgibt.“

Türkei: Nachdem die Türkei im Dezember an manchen Tagen mehr als 30 000 Neu-Infektionen meldete, sind es derzeit höchstens 13 000 Fälle täglich. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt mit 103 deutlich niedriger als in Deutschland. An Wochenenden und nachts gelten Ausgangssperren. In der Türkei gibt es mehr als 2,3 Millionen Infektionen und 22 630 Todesfälle. Die Impfungen beginnen frühestens in zwei Wochen.

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