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Bildung Deutschland verbessert sich bei frühkindlicher Bildung und Förderung sozial schwacher Schüler / Experte warnt vor Überlastung

Zu viel Arbeit für Lehrer

Archivartikel

Berlin.17 Jahre nach dem PISA-Schock präsentiert sich Deutschlands Bildungssystem in deutlich besserem Zustand. Damals hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihren Schulstudien aufgezeigt, dass die Leistungen der deutschen Schüler unterdurchschnittlich und stark an die soziale Herkunft gekoppelt waren.

Geht der Daumen aktuell hoch oder runter für Deutschlands Bildungssystem?

„Es gibt sowohl Licht als auch Schatten“, sagt der Leiter des Berliner OECD-Büros, Heino von Meyer. Ein Pluspunkt ist der seit gut zehn Jahren um 20 Prozentpunkte gestiegene Anteil der Unter-Drei-Jährigen, die eine Kita oder einen Kindergarten besuchen. Der Großteil der jungen Erwachsenen hat Abitur oder einen Berufsabschluss. Die vielen Universitätsabsolventen und jungen Menschen mit höheren Berufsabschlüssen haben exzellente Berufschancen.

Und was ist dabei das Hauptproblem?

Der hohe Sockel an jungen Leuten mit schlechten Aussichten. So bleiben 13 Prozent ohne Abitur oder Berufsabschluss. Mehr als die Hälfte von ihnen landet erst einmal in der Arbeitslosigkeit. Auffällig sind die schlechteren Chancen junger Zuwanderer – knapp ein Viertel von ihnen ist nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung. Besonders schwer haben es jene, die erst als Jugendliche nach Deutschland gekommen sind.

Gleicht das Bildungssystem unterschiedliche Startchancen aus?

Nach wie vor nicht optimal. Die OECD zeigt: Kinder mit Müttern mit Spitzenabschlüssen besuchen weit häufiger eine Kita als Kinder ohne einen solchen Bildungsstatus. Deutlich weniger Kinder aus sozial benachteiligten Milieus erreichen elementare Kenntnisse zum Beispiel in Mathematik. Allerdings zeigte eine PISA-Auswertung im Februar auch: In kaum einem anderen Land ist der Anteil sozial schwacher Schüler mit soliden Leistungen so deutlich gewachsen wie in Deutschland – von 25,2 im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent 2015.

Wie viel gibt Deutschland pro Schüler und Student im Jahr aus?

Im Schnitt knapp 9400 Euro pro Jahr – rund 1400 mehr als im OECD-Schnitt. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind die Bildungs- und Forschungsausgaben mit 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland aber unter dem OECD-Schnitt von fünf Prozent.

Was kann gegen die soziale Schere bei der Bildung getan werden?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt eine gezielte Förderung von Schulen, die in sogenannten Brennpunktbezirken liegen. „Die Kinder in den hier gelegenen Schulen brauchen mehr Unterstützung und Förderung“, sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. „Deshalb müssen dort mehr Lehrkräfte eingestellt werden, so dass die einzelnen Lehrer weniger Pflichtstunden unterrichten müssen. Es sind oft Kinder, die zu Hause keine Bücher vorgelesen und keinen Zugang etwa zu klassischer Musik bekommen.“ Für die Schüler dort seien auch künstlerische Projekte wichtig, Rollenspiele, Theater- oder Zirkusprojekte. Um messen zu können, welche Schulen besondere Förderung brauchen, schlägt Tepe einen Sozialindex vor – Kriterium könnte der Anteil der Eltern sein, die befreit sind von der Finanzierung von Lernmitteln.

Was ist generell wichtig für Chancengleichheit und Lernerfolg?

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher meint: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht von schlechter- und bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas. „Lehrer werden oft allein gelassen im Klassenzimmer“, sagt Schleicher. Ihre Deputate – also die Zahl der Stunden, die sie zu unterrichten haben – sollten sinken, sie sollten mehr Zeit haben für fächerübergreifendes Lehren, für die Förderung schwächerer Kinder.

Was erschwert Verbesserungen in Deutschland?

Unter anderem der Lehrermangel. Tepe sagt, die Länder täten zu wenig dagegen. „Dass viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, ist in der Not richtig“, meint sie. Diese müssten nachqualifiziert werden. „Zudem muss nun endlich die Zahl der Studien- und Referendariatsplätze für Lehrkräfte kräftig erhöht werden.“ Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Thüringens Ressortchef Helmut Holter, räumt ein, eine Kampagne zur Anwerbung von Lehrern sei an Uneinigkeit der Länder gescheitert.

Welche Ursachen hat der Lehrermangel noch?

Schleicher sieht ihn eher als Folge denn als Ursache von Problemen: Lehrer würden zwar in Deutschland recht gut bezahlt. Trotzdem sei der Lehrerberuf vergleichsweise unattraktiv: Die Pädagogen hätten oft wenig Gestaltungsspielraum, wenig Zeit außerhalb des Unterrichts für gemeinsames Entwickeln von Dingen, wenig Karriereperspektiven.

Was sagen Wirtschaft und Bundesregierung?

Beide heben die Erfolge der Berufsausbildung hervor. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer wertete die Ergebnisse als „Rückenwind“ für das Engagement der Unternehmen.

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