Politik

Gastbeitrag Der Ex-US-Botschafter John Kornblum darüber, warum Trump 2016 gewählt wurde und wie die Geschichte das Land und die Republikaner geprägt hat

Zu viel Veränderung belastet die Seele

Archivartikel

Washington.Amerika scheint in einem Ausmaß an Aufruhr, Wut und Konfrontation zu leiden, wie dies noch nie in der jüngeren Geschichte der Fall war. Es gibt eine derart massive Polarisierung, dass viele glauben: Der Wahlkampf 2020 ist der seltsamste in der amerikanischen Geschichte. Einige stellen sogar die Frage, ob unsere Republik überleben kann.

Was mich angeht, habe ich so viele „historische“ Konfrontationen erlebt, dass ich zu dem Schluss komme: Wandel und Unordnung sind in westlichen Demokratien der Normalzustand. Man muss sich nicht unbedingt wegen der Polarisierung Sorgen machen. Aber im Jahr 2020 sieht es aus, als ob wir alle die Folgen der Wende nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vor 30 Jahren grundsätzlich falsch eingeschätzt haben.

Statt ewigen Fortschritts – wie viele damals meinten – erlebten wir nach 1990 drei Jahrzehnte revolutionären Wandels, der eine grundsätzlich neue Erzählung hervorbrachte. Die Verwirrung der amerikanischen Gesellschaft scheint so groß zu sein, dass sachliche Themen zu oft durch Angst und Bitterkeit verdrängt werden. Wie der verstorbene Zukunftsforscher Alvin Toffler in seinem Klassiker „Der Zukunftsschock“ schon 1970 schrieb, führt zu viel Veränderung zu seelischer Überlastung. Sie verzerrt unsere Entscheidungsfindung und schwächt unsere Fähigkeit, rational zu handeln.

Partei Zufluchtsort für Rassisten

Noch viel bedenklicher ist der Eindruck, dass eine solche Verwirrung unseres politischen Systems – wie in den 1930er- Jahren – Populisten hervorbringt, die nur alte Kämpfe austragen. Statt die frischen Ziele der neuen Generation zu debattieren, haben die Wähler eher alte Wahrheiten vorgezogen. Das Ergebnis? Die beiden US-Präsidentschaftskandidaten 2020 sind über 70 Jahre alt.

Vor 60 Jahren befand sich der Westen in einer ähnlichen Sackgasse. Wir hatten auch Angst vor einer Krankheit, gegen die es kein Heilmittel gab. Sie hieß Kinderlähmung. Für Amerikaner fachte die Zuwanderung von Schwarzen in weißen Vorstädten Ängste an – ähnlich denen, die Donald Trump heute zu schüren versucht.

Heute ist die Partei Abraham Lincolns, die wegen der Befreiung der Sklaven verehrt wurde, ein Zufluchtsort für Rassisten und gewalttätige Milizen geworden. Lange bevor die meisten Leute jemals von Donald Trump gehört hatten, stieg eine neue rechts außen angesiedelte Graswurzel-Bewegung namens „Tea Party“ in den 1990er-Jahren auf. Sie fand fruchtbaren Boden unter den wütenden, armen Arbeitern, die die Friedens-Dividende nach dem Ende des Kalten Krieges verpasst hatten.

Der frühere Sprecher des US-Repräsentantenhauses John Boehner sagte mir einmal, er sei eines Tages mit der Erkenntnis aufgewacht, dass seine alte gemäßigte Partei der Republikaner von den Radikalen der „Tea Party“ gekidnappt worden war.

Und all dies an einem Punkt, an dem die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Westens glaubten, dass Technologie und freie Märkte alle Probleme lösen würden. Für sie war der Marsch der Globalisierung der Beweis, dass die Niederlage des Kommunismus zum „Ende der Geschichte“ geführt habe.

30 Jahre später lernen wir, dass – wie die amerikanische Autorin Janice Nimura schrieb – „Geschichte niemals endet, sie wird bloß neu erzählt“. Aber dieses Mal kommt die Neuerzählung in den Worten der Gebrochenen und Entrechteten. Derjenigen, die ihren Schmerz in Drogen und Gewalt ertränkten. Derjenigen, die durch Hillary Clinton in den Status der „Bedauernswerten“ herabgestuft wurden.

Proteste schwächen Präsident

Vor vier Jahren waren Menschen wie ich durch den Sieg von Donald Trump geschockt. Aber heute beginnen wir zu verstehen: Trumps MAGA („Make America Great Again“)-Bewegung war in erster Linie deshalb erfolgreich, weil er gegen alle Maßstäbe des guten Verhaltens verstoßen hatte, während er den Konsens der liberalen Demokratie attackierte. Seine Anhänger feiern sein rohes Benehmen. Und sie jubeln, wenn er die politische Korrektheit der Schichten des Establishments, die sie mittlerweile verachten, in den Schmutz zieht.

Aber 2020 leidet Trump zunehmend an der Schwäche von allen Protestbewegungen. Er war nicht in der Lage, seine Rhetorik beim eigentlichen Regierungsgeschäft anzuwenden. Seine Wahlkundgebungen, die ohne Rücksicht auf Corona-Prävention organisiert werden, ähneln zunehmend eher einer Karneval-Aufführung als einem seriösen politischen Ereignis.

Die Nebenwirkungen dieser seltsamen Wahl sind in Europa zu spüren. Die Wut, die durch Corona aufkam, wird wahrscheinlich in dem Maße wachsen, wie das Trump-Beispiel auf dem ganzen Kontinent kopiert wird. Russland und China werden ebenfalls negative Rollen spielen.

John Kornblum war von 1997 bis 2001 US-Botschafter in Deutschland. Der 77-Jährige lebt in Berlin.

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