Politik

Entschädigung Kommission stellt Mängel bei Opferbetreuung durch Justiz und Behörden fest / Defizite besonders im Kinderschutz

Zu wenig Wissen über Missbrauch

Archivartikel

Berlin.Experten werfen Justiz und Behörden in Deutschland vor, Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs noch zu wenig zu unterstützen. Deren Wissensstand sei nach den Erfahrungen vieler Betroffener „noch immer sehr, sehr begrenzt“, sagte Peer Briken von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die von der Bundesregierung 2016 einberufene Kommission stellte gestern ihren ersten Bericht zu sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland vor.

„Wir sind im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland in der Krise“, sagte der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. „Die Politik muss erkennen, dass sie sich in dem Bereich neu aufstellen muss.“ Bei der Kommission haben sich seit Beginn ihrer Arbeit vor knapp drei Jahren rund 1700 Betroffene gemeldet. 900 Menschen befragte sie mündlich in vertraulichen Anhörungen. Zusätzlich gaben etwa 300 Betroffene ihre Berichte schriftlich ab. In 83 Prozent der dokumentierten Fälle waren die Betroffenen weiblich. Ein Drittel ist heute zwischen 51 und 60 Jahre alt.

Aufarbeitung fehlt

Es handele sich zwar nicht um eine repräsentative Studie, sagte die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Sabine Andresen. Es werde aber sehr eindrücklich aufgezeigt, wie Kinder sexuellen Missbrauch erleben, was die Folgen seien und warum den Betroffenen nicht immer ausreichend geholfen werde. Nur in fünf Prozent der Fälle hatten die Täter oder Täterinnen überhaupt nichts mit den Betroffenen zu tun.

Dabei war es besonders häufig das familiäre Umfeld, in dem die Betroffenen Missbrauch erfahren haben. „Über 50 Prozent derjenigen, die sich gemeldet haben, haben sexuelle Gewalt in der Familie erlebt“, sagte Andresen. Das aufzuarbeiten ist laut dem Bericht nicht einfach. Denn für viele sei eine radikale Trennung von der Familie kaum möglich.

Oft sei es denn auch nicht nur eine Form von Gewalt, die die Betroffenen erlebt hätten, erklärte Briken. „Wir haben es nicht nur mit sexualisierter Gewalt zu tun, sondern sehr häufig auch mit Misshandlungen, mit Vernachlässigungen, die gemeinsam auftreten und oft auch in ganz unterschiedlichen Kontexten.“ Dazu zählen laut Briken unter anderem auch Schulen, Kirchen, Heime, Freizeiteinrichtungen oder Kliniken.

Die heute Erwachsenen wurden laut der Kommission in Deutschland oft noch mit ihren Problemen allein gelassen. So fehle es vor allem an Anerkennung und Unterstützung bei der Aufarbeitung. Die Experten fordern in dem Zusammenhang unter anderem mehr dauerhaft finanzierte Fachberatungsstellen und ein größeres Angebot an von Krankenkassen bezahlten Therapiemöglichkeiten. Auch müssten die Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz leichter zugänglich gemacht werden. Ein Problem, das den Betroffenen immer wieder Schwierigkeiten bereite.