Politik

Energie Am Dienstag geht das französische Atomkraftwerk endgültig vom Netz / 2400-Einwohner-Dorf sorgt sich um Jobs

Zukunftsangst in Fessenheim

Fessenheim.Vor dem Morgen des 30. Juni graut Alain Besserer schon seit langem. Denn er wird ganz anders als alle anderen Morgen seit 28 Jahren, an denen er in die Arbeit ins Atomkraftwerk Fessenheim gekommen ist. Stets fiel sein erster Blick auf die Messstationen, die anzeigen, wie viel Megawatt Strom die beiden Reaktoren produzieren. „Der eine steht seit 22. Februar, als der erste Reaktor vom Netz ging, auf null. Am Dienstagmorgen wird auch der zweite null anzeigen. Das wird heißen: Es ist vorbei.“

Im Kernkraftwerk von Fessenheim begann der 51-jährige Techniker seine Karriere beim französischen Stromkonzern Électricité de France (EDF). Dass es nun als ältestes und erstes in Frankreich abgeschaltet wird, ist für Besserer eine rein politische Entscheidung: „Wir sind wirtschaftlich profitabel, stoßen kein CO2 aus und werden höchsten Sicherheitsanforderungen gerecht.“

Ja, natürlich sei da die offene Frage um die Entsorgung von radioaktivem Material. Aber es gebe Lösungen. Mehr als 2000 direkte und indirekte Jobs garantierte das Kraftwerk. Die Mitarbeiter von EDF werden auf andere Standorte verteilt.

Besserer, auf dem Parkplatz gegenüber dem viereckigen weißen Gebäude stehend, deutet in Richtung Osten: Nur einen guten Kilometer liegt die deutsche Grenze entfernt. Auf der anderen Seite des Rheins, wie auch in der knapp 40 Kilometer entfernten Schweiz, befinden sich die schärfsten Kritiker der Kernkraft. Seit das Werk 1977 den Betrieb aufnahm, gab es Proteste, Hungerstreiks, Klagen vor Gericht. Kritiker verweisen auf die zweifelhafte Erdbebensicherheit und eine mögliche Überflutung durch den Rheinkanal. Der französische Verein „Sortir du nucléaire“ („Aus der Nuklearenergie aussteigen“) beklagt zudem die Alterung zahlreicher Elemente und die vielen Pannen, die sich hier ereigneten. Tatsächlich wurde der Reaktor am Freitag ungeplant automatisch heruntergefahren, wie der Betreiber EDF mitteilte. Die Ursache war zunächst unklar.

Zweifel durch Fukushima

Die öffentliche Meinung in Frankreich stand lange hinter der Atomkraft, angetrieben vom vergleichsweise günstigen Strompreis und dem Credo von Frankreichs Unabhängigkeit in Energiefragen, das die Regierungen verbreiteten. Doch seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima wachsen die Zweifel. Das Versprechen, den Anteil der Kernenergie in Frankreich bis 2025 von mehr als 70 auf 50 Prozent zu senken und die erneuerbaren Energien auszubauen, machte 2012 der damalige sozialistische Präsident François Hollande.

Er kündigte die Stilllegung des AKW Fessenheim an, knüpfte sie aber an die Eröffnung eines neuen Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in der Normandie. Doch nach etlichen Verzögerungen heißt es inzwischen, der Bau werde nicht vor 2023 fertig und zwölf Milliarden Euro statt der ursprünglich veranschlagten 3,3 Milliarden Euro kosten.

Trotzdem beschloss Hollandes Nachfolger Macron, das Kraftwerk in Fessenheim bis Sommer 2020 zu schließen – auch wenn er das Ziel, den Kernenergie-Anteil zu reduzieren, auf 2035 verschob. Die Reaktionen in Deutschland waren euphorisch. Für diesen „erfreulichen Schritt“ habe man sich seit Jahren eingesetzt, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD).

Für Fessenheims Bürgermeister Claude Brender werfe das die Frage auf, wie souverän Frankreich eigentlich sei, sagt er. Die Abschaltung des AKW, das zu dem 2400-Einwohner-Dorf gehöre „wie ein Familienmitglied“, nennt er „aktive Euthanasie“, die auf den Druck aus Deutschland hin erfolge. Neben dem Verlust der Arbeitsplätze beklagt der 60-Jährige die künftigen Steuerausfälle in Höhe von 3,4 Millionen Euro für seine Kommune, die dennoch weiter 2,9 Millionen Euro in einen Fonds zur Finanzierung der umliegenden Gemeinden zahlen müsse.

Langwieriger Abbau

Zugleich bleibt unklar, was aus dem Areal wird. Bereits 2019 vereinbarten Deutschland und Frankreich ein gemeinsames „Gebietsprojekt“, doch das hat sich noch kaum konkretisiert. Das Umweltministerium verspricht eine „Revitalisierung“ des Gebietes, das zu einem „Modell für den Umgang in eine neue Energie-Ära“ werde. Doch ohnehin wird der komplette Abbau 15 Jahre dauern und die Zahl der EDF-Mitarbeiter nur nach und nach reduziert.

Auch Alain Besserer bleibt vorerst. Doch ab Dienstag, sagt er, werde seine Arbeit nicht mehr dieselbe sein. „Wir sind eigentlich dafür da, Strom zu erzeugen und nicht dafür, ein Kraftwerk abzubauen.“

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