Politik

DFB Ex-Präsident hält Kommunikationsstrategie in der Frankfurter Zentrale für misslungen und mahnt zu Sensibilität

Zwanziger attackiert eigenen Verband

Archivartikel

Diez.Theo Zwanziger bedauert den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft. Durch den Entschluss des türkischstämmigen Weltmeisters von 2014 befürchtet er Folgen, die über den Fußball hinausgehen.

Mesut Özil wurde zum Gesicht des WM-Scheiterns gemacht. Wie bewerten Sie nun seinen Rücktritt?

Theo Zwanziger: Ich bin tieftraurig über die von Mesut Özil getroffene Entscheidung. Wenn es zu Konflikten kommt, muss man unglaublich schnell versuchen, diese Konflikte durch Gespräche zu erledigen. Das hat der DFB vor der WM aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft, und jetzt kommt der Vorgang wieder hoch. Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern. Ich kenne Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff gut genug, um sagen zu können, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie eine solche Situation bewusst herbeiführen würden.

An welche Debatten erinnern Sie sich aus dem Beginn der Zeit von Özil im Nationalteam?

Zwanziger: Ich kann mich gut an die Diskussion erinnern, als Joachim Löw Özil davon überzeugt hat, zur deutschen Nationalmannschaft zu kommen: Nur die Leistung zählt. Es kamen aus dem türkischen Umfeld immer die Bedenken: Wenn du dich entschieden hast, für Deutschland zu spielen, bilde dir nichts ein – du bleibst dort immer Türke und Deutscher zweiter Klasse. Da muss man Ruhe und Sensibilität aufbringen, wenn man Konflikte, die sich nie ganz vermeiden lassen, bewältigen muss. Ich mache keine Schuldvorwürfe, weder in die eine noch in die andere Richtung, erinnere mich aber gerade in dieser Stunde an ein Qualifikationsspiel in Berlin gegen die Türkei. In dem Spiel schoss Özil zwei Tore für Deutschland und wurde von geschätzt 30 000 türkischen Migranten gnadenlos ausgepfiffen. Er hat für seine Entscheidung einiges einstecken müssen.

Befürchten Sie Schaden für die Integrationsarbeit des DFB und auch auf gesellschaftlicher Ebene?

Zwanziger: In dieser Arbeit spielt der DFB eine wichtige Rolle, es ist eine sehr nachhaltige und intensive Arbeit mit der Frage: Wie können wir in Deutschland zusammenleben? Die Nationalmannschaft muss für Vielfalt stehen und sich klar gegen jedwede Art von Rassismus zur Wehr setzen. Dies ist unser gesellschaftlicher und kultureller Anspruch. Ich bin sicher, dass die Führung des DFB, die sportliche Leitung und die Mannschaft dies genauso sehen. Der Rücktritt von Özil ist für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fußball hinaus ein schwerer Rückschlag. Er war ein großes Vorbild für junge Sportler mit türkischem Migrationshintergrund, sich auch in die Leistungsstrukturen des deutschen Fußballs einzufinden.

Waren die Fotos von Özil und Gündogan auch im Zusammenhang mit der Bewerbung um die EM 2024 fatal für den DFB?

Zwanziger: Es war sicherlich nicht hilfreich. Das hat die politische Ebene in der Türkei zusätzlich herausgefordert.

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