Politik

Migration Auf einigen griechischen Inseln herrschen katastrophale Zustände / Flüchtlingsabkommen mit Türkei wackelt

Zwei Ärzte für 10 000 Menschen

Brüssel.Als Fatima Anfang Juli endlich in der Kinderklinik des Flüchtlingslagers Moria ankommt, muss ihr Vater sie tragen. Das neun Jahre alte Mädchen kann nicht gehen, seit vier Jahren. Damals, so beschrieben die Helfer von ,,Ärzte ohne Grenzen“, explodierte eine Bombe vor dem Haus der afghanischen Familie. Ihr Bruder starb. Fatima wurde am Bein schwer verwundet. Einen Monat später floh die Familie in die Türkei. Die dortigen Ärzte operierten, erklärten dann aber, sie könnten nicht mehr machen. ,,Wir hatten keine andere Wahl, als hierher zu kommen“, erzählte Fatimas Vater den ,,Ärzten ohne Grenzen“, die das Kind daraufhin erstmals pädiatrisch behandeln.

Kinder voller Angst

Es ist nur eine Szene aus dem völlig überfüllten Auffangzentrum Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das griechische Gesundheitssystem hat zwei Mediziner für 10 000 Menschen abgestellt. Ohne die Hilfsorganisationen ginge gar nichts. ,,Immer mehr dieser Kinder hören auf zu spielen, haben Alpträume und Angst, aus ihrem Zelt herauszugehen“, sagt Katrin Brubakk, Leiterin des psychologischen Programms.

Vor einigen Wochen eskalierte die Situation, Flüchtlinge demonstrierten. Daraufhin ließ die Athener Regierung etwa 1500 Menschen auf das Festland bringen, um die Situation zu entspannen. Allein im August kamen nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes rund 8000 Menschen aus der Türkei nach Lesbos. Vor allem an den griechischen Behörden gibt es viel Kritik. Die Abwicklung der Verfahren, die Erfassung der Hilfesuchenden – alles geschehe zu langsam. ,,Es funktioniert praktisch nichts“, erzählte ein Beamter dieser Zeitung. Nicht nur deswegen wächst die Angst vor einem neuen Flüchtlingsstrom.

Präsident Recep Tayyip Erdogan droht mit der Öffnung der Grenzen, heißt es – und mit dem Aus für den Flüchtlingsdeal, der die Zahlen seit 2016 so drastisch hatte sinken lassen. Die Schuld dafür liegt nicht in erster Linie bei Erdogan oder der EU, sondern vor allem bei Griechenland, sagen Experten. Die Griechen ,,bekommen es in der Praxis einfach nicht auf die Reihe“, meinte auch Daniel Thym, Direktor des Forschungszentrums Ausländer- und Asylrecht in Konstanz, in einem Interview vor wenigen Tagen. ,,Der Türkei-Deal wurde nie konsequent umgesetzt, weshalb Erdogan auch nicht einfach die Schleusen öffnen kann – sie waren ja nie geschlossen.“

Auch im Bundesinnenministerium sieht man die Defizite: Es bestehe ,,Verbesserungsbedarf insbesondere bei Rückführungen in die Türkei, um die schwierige Lage auf den griechischen Inseln zu verbessern“, sagte ein Sprecher. Vor drei Jahren vereinbarten Ankara und die EU, illegale Migranten, die von türkischem Boden nach Griechenland fahren, zurückzuschicken. Das passierte selten, meist aber gar nicht. Für die Mithilfe der Türkei stellte die Gemeinschaft sechs Milliarden Euro zur Verfügung, damit das Land die insgesamt 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. 2,4 Milliarden Euro wurden bisher ausgezahlt.

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