Politik

Kriminalität Internationale Ermittlungsgruppe zerschlägt Darknet-Netzwerk / Betreiber in Esslingen und Bad Vilbel

Zweitgrößte illegale Plattform

Archivartikel

Wiesbaden.Schon das große Aufgebot im Bundeskriminalamt (BKA) macht deutlich, dass den Fahndern ein bedeutender Coup gelungen ist: Neben BKA-Präsident Holger Münch stehen nicht nur Vertreter der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft und der ihr unterstehenden Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, sondern auch der europäischen Polizeibehörde Europol, leitende Justizbeamte aus den USA und der niederländischen Polizei. In internationaler Zusammenarbeit haben es die Sicherheitsbehörden geschafft, die weltweit mindestens zweitgrößte illegale Online-Plattform des Darknetsarknets vollständig auszuhebeln.

Drogen und Amphetamine, ausgespähte Daten, gefälschte Passdokumente und Schadsoftware im Millionenwert waren darüber gehandelt worden. Und nach anderthalb Jahren Sisyphos-Arbeit haben die Ermittler drei junge Deutsche als Betreiber des verbotenen Netzwerks ausfindig gemacht und verhaftet. Die Server standen in Deutschland, den Niederlanden und Rumänien. Die illegale Handelsbörse war durch eine ganze Reihe verschlüsselter Sicherungssysteme geschützt. Zuletzt waren über 63 000 Verkaufsangebote eingestellt, rund 1,15 Millionen Kundenkonten sowie über 5400 illegale Verkäufer angemeldet.

Schneller Zugriff

Entsprechend groß war der Aufwand, an die Betreiber heranzukommen. Erst im März hatten die Fahnder sie identifiziert. Und als diese am 23. April die Plattform plötzlich in Wartungsmodus schalteten und begannen, die Gelder der Käufer und Verkäufer an sich selbst zu transferieren, musste alles ganz schnell gehen. Binnen eines Tages wurden die drei Verdächtigen festgenommen – ein 31-Jähriger aus Bad Vilbel, ein 29 Jahre alter Verdächtiger aus dem Kreis Esslingen und ein 22-Jähriger aus Kleve. Sie steckten nach Überzeugung der Justizbehörden hinter der als „Wall Street Market“ getarnten Darknet-Plattform.

Ob sie die größte dieser Art überhaupt oder „nur“ die zweitgrößte auf der Welt war, können die Ermittler noch nicht sagen. Mit der Auswertung der Daten liegt noch viel Arbeit vor ihnen. Danach erst wissen sie auch Genaueres über den Wert der gehandelten Schmuggelwaren und Drogen. Die Wohnungen der Festgenommenen, kurz darauf aber auch weiterer Verdächtiger bis in die USA wurden durchsucht. Auf einem Tisch im BKA liegen – streng bewacht und fein säuberlich gebündelt – rund 550 000 Euro sichergestelltes Bargeld in 20er-, 50er-, 100er- und 500er-Scheinen. Die meisten Geschäfte im Darknet werden allerdings in den Kryptowährungen Bitcoin und Monero abgewickelt, so dass der wahre Wert des illegalen Handels viel höher sein dürfte. Für die Plattformbetreiber war es ein lukratives Geschäft: Sie kassierten nach Stand der Ermittlungen jeweils zwei bis sechs Prozent des Verkaufswerts als Provision. BKA-Präsident Münch spricht von einem „herausragenden Fall“, technisch sehr anspruchsvollen und personalintensiven Ermittlungen. Staatsanwalt Ryan White aus Los Angeles und der leitende Polizeioffizier Andy Kraag aus den Niederlanden zeigen sich „stolz“, Teil des erfolgreichen Teams gewesen zu sein.

Was Münch und den Frankfurter Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk aber ärgert: Der Haftbefehl gegen die drei mutmaßlichen Plattform-Betreiber stützt sich bislang nur auf den Verdacht „gewerbsmäßiger Verschaffung einer Gelegenheit zur unbefugten Abgabe von Betäubungsmitteln“. Das Betreiben illegaler Darknet-Plattformen selbst ist noch kein Straftatbestand. Hessen und Nordrhein-Westfalen haben im Februar einen Gesetzentwurf im Bundesrat eingebracht, der das ändern soll. Ein entsprechendes Vorhaben der Bundesregierung befindet sich noch in der Ressortabstimmung.