Politik

AfD Jörg Meuthen muss um seine Wiederwahl als Parteivorsitzender fürchten / Taktisches Verhältnis zu den Rechten

Zwischen den Flügeln

Archivartikel

Berlin/Offenburg.Wenn es eng wird, setzt Jörg Meuthen gerne sein Lausbubenlächeln auf und gibt sich ganz harmlos. So ist es auch am Sonntag beim TV-Sommerinterview. Fragen nach dem Klimawandel tut der 58-Jährige als „Klimahysterie“ ab. Und zum rechtsnationalen „Flügel“ fällt ihm ganz Erstaunliches ein. „Der Flügel ist nicht Teil der AfD“, sagt Meuthen da. Vielleicht ist ihm entgangen, dass der Flügel-Wortführer Björn Höcke gleichzeitig AfD-Landeschef in Thüringen ist.

Meuthen würde gerne Ende November als Parteichef wiedergewählt werden. Das könnte ihm aber ausgerechnet Höcke streitig machen. Der steht vor seinem größten Erfolg, wenn Brandenburg und Sachsen am 1. September sowie Thüringen acht Wochen später ihre Landtage neu wählen. In allen drei Bundesländern kann die AfD mit Rekordergebnissen rechnen, überall stehen Flügel-Vertreter an der Spitze. Bei der Vorstandswahl könnten sie dann mehr Macht einfordern.

Der Preis für die AfD wäre hoch. In den Westländern, wo schon jetzt fast überall der Richtungsstreit tobt, könnte ein rechtslastiger Bundesvorstand Wähler vergraulen. Ob Meuthen als Mann der Gemäßigten in diesem Umfeld wieder eine Mehrheit bekommt, ist unsicher.

Einen Vorgeschmack auf die neuen Verhältnisse hat Meuthen schon in seinem Heimatkreis bekommen. Die Mitglieder im Kreisverband Ortenau lassen den Europaabgeordneten bei der Wahl der Delegierten für den Bundesparteitag durchfallen. Meuthen darf die künftige Führung gar nicht mitwählen. Der Landtagsabgeordnete Stefan Räpple spricht von einem „klaren Zeichen, dass er sich innerparteilich anders positionieren muss“. AfD-Landeschef Bernd Gögel führt die Schlappe auf mangelnde Basisarbeit zurück. Aber auch Gögel geht davon aus, dass die Wahl wiederholt werden muss. Es seien mehr Stimmen gezählt worden, als Mitglieder anwesend waren.

Ausfälle werden verharmlost

Dabei bemüht sich Meuthen darum, Höcke und seine Freunde nicht zu verprellen. Er fordert zwar „klare Kante gegen Rechtsextreme“. Aber den Appell der 100 Gemäßigten gegen den Personenkult um Höcke unterschreibt er nicht. Zugleich verharmlost er immer wieder Ausfälle Höckes und seiner Anhänger. So hat er sogar „ein bisschen Verständnis“, wenn die Bundestagsabgeordnete Verena Hartmann nach dem Tod eines Achtjährigen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof den Satz schreibt: „Frau Merkel, ich verfluche den Tag ihrer Geburt.“

Eigentlich ist Meuthen für die AfD Gold wert. Als ehemaliger Professor mit einem bildungsbürgerlichen Hintergrund ist er das freundliche Gesicht einer Partei, die immer wieder durch rechtspopulistische Grenzverletzungen für Aufregung sorgt. Dieser Bedeutung verdankt der gebürtige Essener seinen Aufstieg an die Spitze.

Nach dem Abschied von Parteigründer Bernd Lucke holte sich die damals als rechts geltende Vorsitzende Frauke Petry 2015 Meuthen als Co-Chef an ihre Seite. Das Kalkül: Der charmante Professor sollte die gemäßigten Wähler binden. Was Meuthen aber nicht davon abhält, die Nähe zu Höcke zu suchen. Ohne Unterstützung aus dessen Lager wären die 72 Prozent, die ihn 2017 als AfD-Chef bestätigen, nicht möglich gewesen.

Wenn es hart kommt, stoßen Meuthens Fähigkeiten zur innerparteilichen Konsensbildung aber schnell an Grenzen. Als AfD-Landtagsfraktionschef kann er im Sommer 2016 die Spaltung seiner Mannschaft nicht verhindern.

Die ersten zwei Jahre steht Meuthen als AfD-Sprecher im Schatten Petrys. In der zweiten Amtszeit dominiert sein Co-Vorsitzender Alexander Gauland die öffentliche Wahrnehmung. Spöttern gilt Meuthen deshalb schon als der „ewige Zweite“.

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