Ratgeber

An sich selbst denken hilft auch – ein Perspektivenwechsel

Archivartikel

Gerade bin ich über eine Mitteilung gestolpert, die doch wieder einmal zeigt, wie schnell ein Perspektivenwechsel neue Horizonte eröffnen kann. Die Freie Universität Bamberg hat in einer Studie untersucht, welche Schutzmaßnahmen in der Pandemiezeit die Befragten umsetzen. Das Ergebnis brachte etwas Erstaunliches zutage…

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Besonders wenn man pflegt hat man in der Regel eine außergewöhnlich soziale Ader und denkt zunächst einmal an die Menschen, die man pflegt und für die man verantwortlich ist. Ein besonders wichtiges Resultat der Studie war, dass die Befragten den Eigenschutz in den Vordergrund stellten. In einer individualistischen Gesellschaft wie in Deutschland ist dies nicht verwunderlich. Bitte aber individualistisch nicht mit egoistisch verwechseln. Wir konzentrieren uns vornehmlich auf unsere Familie und auf uns selbst in erster Linie sind gleichermaßen aber nicht in der Konsequenz unsozial anderen gegenüber.     

Selbst ist der Mensch

Alles, was man selbst in der Hand hat und Maßnahmen, die einfach umzusetzen sind, haben die meisten Befragten in Zeiten des Lockdowns umgesetzt. Im dieser Zeit sind viele sensibler und halten sich an Abstandregeln und an Hygienemaßnahmen, die aber abnehmen, sobald die ‚unmittelbare‘ Gefahr scheinbar vorüber ist und der Lockdown aufgehoben oder gelockert wird. Natürlich ist es verlockend durch die ‚äußeren Lockerungen der Maßnahmen‘ sich wieder den Menschen auch physisch stärker zu nähern, besonders wenn es Menschen sind, denen wir nahestehen und pflegen. Aber genau das sollten wir vermeiden: Zu unserem eigenen Schutz und zu dem der anderen. Und auch, wenn wir erst an unseren eigenen Schutz denken, schützen wir damit auch die anderen indirekt.       

Einzelschicksale mehr bekannt machen

Die Studie der Uni Bamberg zeigte auch, dass Menschen sich stärker an die Schutzmaßnahmen halten, wenn sie Einzelschicksale kennen. Dabei ist es allerdings wichtig, beide Seiten zu zeigen: Menschen, die genesen sind, aber auch Menschen, die noch lange unter den Flogen der Covid-19 Erkrankung zu leiden haben oder gar verstorben sind. Besonders ‚celebraties‘ (Menschen, die sehr bekannt sind) können einen sehr entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten, wenn sie selbst davon betroffen sind. Ganz besonders hat mich das Schicksal eines sogenannten ‚Fitnessinfluencers‘ aus der Ukraine beeindruckt, der zunächst kategorisch die Existenz des Virus leugnete, dann selbst erkrankte und nach nur wenigen Tagen starb. Am Ende seines Lebens hat er seinen Bekanntheitsgrad genutzt, in den sozialen Netzwerken vor der Erkrankung gewarnt und bedauert, dass er diese so lange unterschätzte. Insbesondere junge Menschen kann man somit besser erreichen als über hochwissenschaftliche Erklärungen und Statistiken.   

Aber auch die Richterin, die an einer chronischen Erkrankung leidet und sich gemeinsam mit anderen Verfassungsbeschwerde gegen das sogenannte ‚Triage-Verfahren‘ einlegte hilft, um eine andere Perspektive einzunehmen, nämlich die von behinderten Menschen. (Erklärung Quelle SWR, 17.11.20: „Triage - das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutet: Auswahl. Sollte es in deutschen Krankenhäusern in den kommenden Monaten zu dramatischen Engpässen auf den Intensivstationen kommen, dann käme dieses Prinzip zum Einsatz. Dann müssten Mediziner auswählen.“ )

Kommunizieren ist immer besser als schweigen

Gerade wenn Sie pflegen suchen Sie in der jetzigen Situation die Unterstützung und den Austausch Gleichgesinnter. Jeder hat andere Meinungen und Ideen, und die sind notwendig, um die jetzige Situation besser zu handhaben. Man sagt nicht umsonst: Not macht erfinderisch. Man kann gemeinsam neue Ansätze und Lösungen finden, oder sich einfach nur Halt in dieser schweren Zeit geben. Wenn zum Beispiel der Angehörige in einem Pflegeheim ist, mit dessen Leitung man nur schwer in Kontakt kommt, versuchen Sie andere Angehörige anzusprechen. Vielleicht haben Sie gemeinsam eine Idee, wie man versuchen kann, eine geordnete Kommunikation zwischen Heimleitung und Angehörigen zu initiieren und zu gewährleisten.     

Ich wünsche allen, die in dieser schweren zeit pflegen, von Herzen alles Gute, viel Kraft, Energie und Zuversicht. Sie sind nicht allein, denn es gibt ganz viele, denen es ähnlich geht. Vergessen Sie nicht: Gemeinsam ist man stärker!

Hier der Link zur Presseinformation der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.