Ratgeber

Bedürfnisse und die Antworten darauf

Archivartikel

Im letzten Beitrag habe ich exemplarisch eine typische Pflegerollenverteilung in einer Familie skizziert und einige Rollen beschrieben, wie sie in der Realität vorkommen können. Heute möchte ich Ihnen ein paar ‚Auswege‘ aus solchen Verstrickungen zeigen und erklären, wie Sie erst gar nicht in solche Situationen geraten.

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Ich beschrieb letzte Woche die klassische, durchschnittliche, häusliche Pflegesituation:

  • die Mutter pflegt ein Elternteil, kümmert in der eigenen Familie um den Haushalt, die Kindererziehung und hat eventuell noch einen Minijob oder einen Teilzeitjob.
  • Der Mann arbeitet Vollzeit und finanziert die Familie.
  • Die Kinder gehen noch zur Schule und pubertieren.

Im nachfolgenden gebe ich dem Ehepaar/Eltern ein paar Tipps, was man am besten tun kann, um Eskalationen zu vermeiden oder in den Griff zu bekommen und wie Sie bestmöglich die Pflegesituation gemeinsam bewältigen können.

Mütter tendieren zur Selbstaufgabe

Ich kenne wahnsinnig viele Frauen die 150% Perfektion als das Minimum ansehen. Sie können nicht aus ihrer Haut und wollen alles perfekt machen und vor allem möchten sie es jedem recht machen. Für viele steht die Familie im Vordergrund und nicht ihre eigenen Bedürfnisse. Was helfen kann, um diesen Kreislauf zu durchbrechen ist vor allem eine gute Organisation und Struktur. Das heißt allerdings nicht, dass auch eine gewisse Flexibilität vorherrschen sollte. Und ganz wichtig: Delegieren und offen seine Gefühle und Gedanken kommunizieren!

Ein möglicher Ansatz wäre wie folgt:

  • Initiieren Sie zuhause einen regelmäßigen Familienrat.
  • Thematisieren Sie immer die gegenwärtige Situation, also den Status Quo. Erklären Sie dabei genau, wie Sie sich fühlen. Seien Sie klar und deutlich. Vermeiden Sie einen anklagenden Ton aber seien Sie bestimmt.
  • Definieren Sie gemeinsam als Familie, welche Aufgaben jeder Einzelne übernehmen kann, um Sie zu entlasten und die Lasten generell auf alle gerecht zu verteilen. Vergessen Sie dabei nicht im Blick zu haben, wer was besonders gut kann und auch gerne macht. Dann wird weniger gemurrt und die Aufgaben gerne übernommen. Ein Belohnungsschema für ALLE, inklusive Ihrer selbst, ist wichtig.
  • Nehmen Sie Rückmeldungen der Familienmitglieder auf und besprechen Sie diese gemeinsam. Vielleicht gibt es Verhaltensmuster, die andere sehen, Sie selbst aber nicht oder anders. Geben Sie kein Feedback, sondern diskutieren Sie in der Runde, wie man in Zukunft Dinge anders, vielleicht besser machen kann.
  • Die Familie sollte als Team verstanden werden und Teams müssen gebildet werden. Familienzeit ist daher wichtig. Mindestens ein gemeinsamer Ausflug im Monat sollte drin sein.
  • Zeitplanung: geben Sie vor, bis wann eine Sache erledigt sein muss. Es muss nicht immer alles gleich gemacht werden. Auch wenn es ein Tag später ist wird die Welt nicht untergehen.
  • Planen Sie regelmäßig Zeit für sich ein. Machen Sie das, was Ihnen Spaß macht: Sich mit Freund*Innen treffen, Musik hören, faulenzen, Yoga, Fahrradfahren… Versuchen Sie, sich in der Zeit auf sich selbst zu besinnen. Was brauchen Sie? Hören Sie auf sich selbst. Spüren Sie sich und vertrauen Sie ihrem eigenen Urteilsvermögen.

Der Vater und Ehemann

In einer ‚gesunden‘ Familie sind die Aufgaben und die Lasten auf beiden Schultern verteilt. Auch die Eltern sind ein ‚Team‘ und als Teil eines Teams sollten Sie sich verstehen. Es gibt ein sehr bekanntes Lied im deutschen Schlager von Johanna von Koczian. Eine etwas beschwingtere Fassung hat Barbara Schöneberger herausgebracht. Falls Ihre Frau nicht arbeitet, sondern ‚nur‘ den Haushalt macht und die Kinder betreut, sollten Sie sich das Lied mal anhören. Denn alles so zu organisieren und zu tun, dass der ‚Laden‘ läuft und das OHNE Bezahlung und meistens auch noch ohne besondere Wertschätzung kann sehr frustrierend sein. Das würden Sie doch auch nicht wollen, oder? Helfen Sie sich gegenseitig und unterstützen Sie sich gegenseitig und vor allem – vergessen Sie nicht Ihrer Frau rückzumelden, dass Sie nachvollziehen können, wieviel Arbeit der Haushalt ist und wieviel Zeit auf alles drauf geht (Waschen, Bügeln, Kochen, Einkaufen, Kindertaxi übernehmen, Pflege der Eltern u.v.m.). Sprechen Sie es aus! Und zwar nicht zwischen Tür und Angel. Ich habe mal eine Sendung gesehen, in der ein Paar gezeigt wurde, bei dem der Mann jeden Morgen der Frau einen kleinen Zettel schrieb, denn er konnte seine Gefühle am besten schriftlich darlegen. Sie waren seit Jahren zusammen und es verging kein Morgen, an dem er ihr nicht irgendwas Nettes, Schönes und Aufmerksames geschrieben hat. Sie sehen, manchmal braucht es nicht allzu viel Input hat aber eine unglaubliche Wirkung zur Folge.

Versuchen Sie Ihrer Frau einiges abzunehmen, besonders das, was vielleicht mehr Zeit kostet. Finden Sie gemeinsam heraus, worin der eine gut ist und was der andere am liebsten macht und wie Sie beide am besten Zeit sparen können. Kommunizieren aber auch Sie den anderen Familienmitgliedern, wie Ihre Gefühle sind und was Sie gerade beschäftigt. Nehmen Sie sich eine Auszeit - besonders direkt nach der Arbeit. Mein Vater brauchte immer seinen ‚Mittagsschlaf‘ von ca. 30 Minuten, nachdem er nach Hause gekommen war. Danach war er aber aufnahmebereit und hat sich ins Familienleben gestürzt und war immer präsent und aufmerksam. Nehmen Sie sich ebenfalls eine Auszeit und gestehen diese auch Ihrer Frau zu. Wechseln Sie sich ab in zusätzlichen Auszeiten, getrennt und als Paar.

All das was ich beschreibe gilt natürlich auch für andere Lebensgemeinschaften, so wie auch für homosexuelle Paare. Das macht keinen Unterschied, denn Familie ist Familie. Egal, ob verheiratet oder gemeinsam lebend oder in verschiedenen Haushalten. Da wird der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

In der nächsten Ausgabe kommen wir auf die Bedürfnisse der Kinder und der Pflegeperson zu sprechen. Bleiben Sie also dabei und ich freue mich auf Sie nächste Woche!

In diesem Sinne – Bleiben Sie gesund!

Ihre Waltraud Gehrig