Ratgeber

GERINGERER ENERGIEVERBRAUCH / KLIMAFREUNDLICHERER ENERGIEMIX ERFORDERT WEITERE VERÄNDERUNGEN

Bewegung auf dem deutschen Energiemarkt

Aus der Perspektive der Klimaschützer ist die Nachricht durchaus eine gute: In Deutschland konnte der Primärenergieverbrauch im vergangenen Jahr deutlich gesenkt werden. Gleiches gilt für den Ausstoß von CO2. Ein Ergebnis, das den politischen Bemühungen um die Energiewende zuzuschreiben ist? Das lässt sich so leicht nicht beantworten, spielen doch unterschiedlichste Faktoren eine Rolle dabei, wie sich der Energieverbrauch entwickelt. Hinzu kommt die Dynamik, mit der sich der Energiemarkt insgesamt entwickelt und in Zukunft entwickeln wird.

Energieverbrauch wie in den 1970er Jahren

Im vergangenen Dezember legte die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V. ihren Abschlussbericht für das Jahr 2018 vor, mit einem erfreulichen Resultat: Der deutsche Primärenergieverbrauch konnte im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent gesenkt werden. Damit erreichte er ein Niveau, das zuletzt in den 1970er Jahren ähnlich niedrig lag. Mit dem Energieverbrauch sank nach Angaben der AGEB zugleich der CO2-Ausstoß.

Grund hierfür seien die Veränderungen im Energiemix. Der ist in Deutschland weiterhin recht breit, mit einer Vielzahl verschiedener Energieträger aufgestellt. Da aber vor allem bei den fossilen Energieträgern Rückgänge zu verzeichnen waren, während gleichzeitig bei den erneuerbaren Energien Zuwächse zu beobachten waren. Bei rund sechs Prozent sieht die Arbeitsgemeinschaft die daraus resultierende Reduzierung der CO2-Emissionen.

Einziges Problem bei diesen Verschiebungen: Sie gehen immer noch nicht schnell genug vonstatten, wie es aus aktuellen Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hervorgeht. Laut Einschätzung des DIW kann der Anteil der erneuerbaren Energien am deutschlandweiten Strommix auf Grundlage der aktuellen gesetzlichen Vorgaben bis zum Jahr 2030 zwar bis auf 55 Prozent angehoben werden.

Um die Anforderungen der Kohlekommission für einen klimafreundlichen Kohleausstieg zu erfüllen, müssten im selben Zeitraum aber weitere zehn Prozentpunkte erreicht werden. Damit die Klimaziele der Bundesregierung trotzdem eingehalten werden können, müsste nach Meinung der Experten an verschiedenen Stellen nachgebessert werden, um mit dem Ökostromausbau die gewünschten Veränderungen beim Energiemix herbeizuführen.

Veränderungen beim Energiemix

Im Detail fallen die Veränderungen im Jahresvergleich bei den einzelnen Energieträgern zudem durchaus unterschiedlich aus:

  • Mineralöl verzeichnete insgesamt einen Rückgang um 5,6 Prozent, wobei vor allem der Absatz von Heizöl deutlich geringer ausfiel. Weniger starke Rückgänge verzeichneten Otto- und Dieselkraftstoffe, die Absätze von Flugkraftstoffen konnten sogar gesteigert werden.
  • Stärker noch als beim Mineralöl sank der Verbrauch von Erdgas, nämlich um 7,3 Prozent.
  • Der Steinkohleverbrauch fiel um 11,2 Prozent, der Einsatz zur Strom- und Wärmeerzeugung in Kraftwerken lag sogar bei 16 Prozent. Bis 2038 wird die Stromerzeugung aus Kohle generell vollständig zurückgefahren, weshalb es beispielsweise  für das Großkraftwerk Mannheim Überlegungen zu einem Umbau der Anlage auf Gas gibt
  • Der Braunkohleverbrauch sinkt bereits seit einigen Jahren immer weiter, im Vergleich zum Vorjahr um weitere 1,9 Prozent. In den kommenden zwei Jahren wird sich der Rückgang sogar noch einmal erhöhen, da viele Braunkohlekraftwerke bis zum Jahr 2020 in die Sicherheitsbereitschaft überführt werden. Die AGEB geht von Größenordnungen um die 13 Prozent aus in diesem Zeitraum.
  • Der geringste Rückgang entfiel auf die Kernenergie, ihr Anteil an der Stromerzeugung fiel lediglich um 0,3 Prozent.
  • Insgesamt wurde der Anteil von erneuerbaren Energien um 2,1 Prozentpunkte gesteigert, mit deutlichen Unterschieden bei den jeweiligen Energieträgern: Bei Biomasse gab es gar keine Veränderung, Windkraft stieg um sieben Prozent, Solarenergie um ganze 16 Prozent. Allerdings verlor die Wasserkraft gleichzeitig ebenfalls 16 Prozent.

Diese Veränderungen sind sicherlich auch das Ergebnis langfristiger Trends, trotzdem sollte der Einfluss kurzfristiger Einflüsse nicht übersehen werden. So hatte die über das gesamte Jahr betrachtet milde Witterung einen nicht unbeträchtlichen Anteil am geringeren Energieverbrauch.

Suche nach Ursachen

Das machte sich unter anderem bei Heizöl, aber auch bei Erdgas bemerkbar: Nach Anstiegen des Verbrauchs im 1. Quartal 2018 ging die Kurve wegen der moderaten Temperaturen bis zum Jahresende wieder nach unten. Diese Entwicklung wird noch dazu von allgemeinen Verbesserungen in puncto Energieeffizienz verstärkt.

Daneben müssen auch technische Verbesserungen bei der Förderung fossiler Energieträger für zukünftige Marktentwicklungen berücksichtigt werden. Bestes Beispiel hierfür ist die Mineralölförderung, deren Ende schon seit geraumer Zeit diskutiert wird. Grundlage dieser Annahme ist dabei häufig immer noch das Peak-Oil-Modell nach Hubbert, das von einem Höhepunkt der Förderung ausgeht, nach dem die Förderraten nur noch zurückgehen.

Für die Primärförderung mit Pumpen ist das auch richtig, allerdings kommen schon lange andere Verfahren zum Einsatz – wie das auch in Deutschland debattierte Fracking –, mit denen die nach wie vor vorhandenen Ölvorkommen abgeschöpft werden. Wie sich der größere Aufwand bei der Gewinnung langfristig auf die Preise von Öl und anderen fossilen Energieträgern und damit auf den Anteil am Primärenergieverbrauch auswirken, ist allerdings noch spekulativ.

Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass auf diese Weise die prominente Rolle, die fossile Energieträger beim Gesamtenergieverbrauch noch immer spielen, vorerst bestehen bleiben wird – trotz der sich abzeichnenden Verschiebungen im Energiemix.

Auswirkungen auf den Strommarkt

Einen erheblichen Anteil an Veränderungen auf dem Energiemarkt haben neben Witterungsbedingungen und größerer Sorge um die Energieeffizienz steigende Preise bei der Beschaffung. Die wiederum haben teils gravierende Auswirkungen, nicht zuletzt auf dem Strommarkt.

Laut Wallstreet Online droht einigen Stromanbietern wegen der gegenwärtigen Preisentwicklung die Insolvenz. Das Magazin beruft sich dabei auf die Managementberatung Horváth & Partners die wegen der stark steigenden Börsenpreise für Strom (und Gas) davon ausgehen, dass einige Anbieter wie schon die Bayerische Energieversorgungsgesellschaft BEV und DEG Deutsche Energie den Weg in die Insolvenz gehen müssen.

Den Energielieferanten wird dabei der Preiskampf zum Verhängnis: Um die größer werdende Zahl wechselwilliger Kunden zu halten, werden vielfach Verträge angeboten, die über die gesamte Laufzeit Festpreise garantieren. Bei gleichbleibenden oder sogar fallenden Beschaffungskosten ist eine derartige Vertragsgestaltung unproblematisch, die jüngste Entwicklung führte allerdings zu steigenden Preisen an den Strombörsen.

Betroffen sind von den Veränderungen aber nicht nur vergleichsweise kleine Stromanbieter, auch die Branchengrößen suchen noch immer nach Wegen, um im Zuge der fortschreitenden Energiewende ihre Marktführerposition halten zu können. So bahnt sich zwischen RWE und Eon ein milliardenschweres Tauschgeschäft an: Geplant ist, dass Eon von RWE die konzerneigenen Anteile an Innogy übernimmt, im Austausch erhält RWE die Sparte Erneuerbare Energien von Eon. Für den noch jungen RWE-Ableger Innogy bedeutet dieser Deal nach etwas mehr als zwei Jahren schon wieder das Aus.

Eon wird seinen Geschäftsschwerpunkt danach vornehmlich auf den Betrieb von Strom- und Gasnetzen sowie den Vertrieb legen. RWE hingegen versucht sich im Bereich Erneuerbare Energien auch auf europäischer Ebene in der Spitzengruppe der Produzenten zu positionieren. In Anbetracht der schwierigen Situation um das vormalige Stammgeschäft des Konzerns, nämlich den Betrieb von Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken sowie dem Abbau von Braunkohle eine wirtschaftlich notwendige Entscheidung.

Umdenken in der Wirtschaft

Dazu trägt auch das Umdenken in der deutschen Wirtschaft bei, vor allem aus dem deutschen Mittelstand werden die Forderungen an die Stromanbieter im Bezug auf Produkte mit einem Fokus auf eine bessere Energienutzung immer lauter. Das geht aus der weltweit durchgeführten „New Energy Consumer“-Studie der irischen Beratungsfirma Accenture Consulting hervor.

Von besonderem Interesse sind für kleine und mittelständische Unternehmen demnach Produkte, mit denen der Energieverbrauch im Betrieb verbessert werden kann:

  • Produkte und Dienstleistungen, die zu diesem Zweck auf die jeweils eigenen, speziellen Anforderungen zugeschnitten sind, wünschen sich laut der Untersuchung 46 Prozent der Befragten.
  • Für ein Drittel der teilnehmenden KMU sollten digitale Tools, mit deren Hilfe sich der Energieverbrauch einfacher steuern lässt, zum Portfolio der Stromanbieter gehören.

Aus einem mehr auf Geschäftskunden zugeschnittenen Angebot könnten sich wiederum Synergieeffekte entwickeln, die sich auf den Energiemarkt auswirken können. Es geht also nicht mehr nur um ein reines Anbieter-Konsumenten-Verhältnis, vielmehr bieten sich in diesem Segment neue Kooperationsmöglichkeiten:

  • Denkbar sind zum Beispiel Sharing-Programme für Solarstrom. Die Unternehmen erhalten dabei von den Energieversorgern finanzielle Anreize, um Solarmodule an Firmengebäuden anzubringen. Interesse an solchen Programmen besteht bei 43 Prozent der befragten Firmen.
  • Aus der Zusammenarbeit zwischen KMUs und Stromanbietern könnten außerdem neue Umsatzmöglichkeiten geschaffen werden. Denn 42 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen haben gegenüber Accenture ihre Bereitschaft erklärt, energiebezogene Produkte und Dienstleistungen über ihr Geschäft weiterzugeben.

Auf der anderen Seite besteht in vielen Unternehmen, ungeachtet ihrer Größe, immer noch genug Handlungsbedarf bei den Basics, wenn es um einen wirklichen Beitrag zur Energiewende geht. Um diese in Baden-Württemberg voranzutreiben, entsendet die Kompetenzstelle Energieeffizienz (KEff) Heilbronn-Franken ihre Effizienzmoderatoren in die Firmen der umliegenden Region.

Diese führen vor Ort Checks durch, um Potenziale zur Energieeinsparung zu finden und gemeinsam mit den Unternehmen konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Kleine und mittlere Unternehmen bekommen so erfahrene Experten zur Seite gestellt, um langfristig den Anforderungen der Energiewende in Deutschland gerecht werden zu können.