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Nachhaltiger Weinbau: Französischer Biowein liegt im Trend

Archivartikel

Frankreich ist bezogen auf die Weinkultur eines der traditionsreichsten Länder in Europa. Doch das bedeutet nicht, dass hier kein Wandel stattfindet. Seit der Jahrtausendwende setzen immer mehr Winzer vermehrt auf Wein aus biologischem Anbau. Doch welche Weine können heute als Bioweine geführt werden und wo liegt der Unterschied zum traditionellen Weinanbau?

Wenn Tradition auf Moderne trifft: nachhaltiger Weinanbau in Frankreich

Um Bordeaux liegt nicht nur die größte französische Weinbauregion, sondern auch die renommierteste. Hier werden die teuersten und edelsten Weine Frankreichs produziert und dabei weniger als Ware, denn als Kulturgut angesehen. Im Cité Du Vin (Weinmuseum in Bordeaux) lässt sich die Weinkultur nachvollziehen: Regionen wie Bordeaux erheben Wein zum Lifestyle und können sich gleichzeitig als große Gourmet-Flecken auf der internationalen Wein-Landkarte bezeichnen.

Doch das Image der Region hat Kratzer bekommen, seit eine Reportage der Fernsehjournalistin Élise Lucet den steigenden Pestizidverbrauch der ansässigen Winzer aufdeckte. Sogar Rückstände des in der EU verbotenen Pestizids Atrazin wurden nachgewiesen.

Etwa 10 Prozent Bio-Weinbau-Flächen in Frankreich

Umso wichtiger zu wissen, dass die Weinbauern der Bordeaux-Region vermehrt auf biologischen Anbau umsteigen. Etwa 8 Prozent der insgesamt 111.150 Hektar Anbaufläche besitzen bereits die nötigen Zertifikate, weitere sind im Prozess des Umbaus. Damit spiegelt die französische Vorzeige-Weinregion die Gesamt-Tendenz wider: Zwischen den Jahren 2007 und 2015 haben sich die Anbaugebiete für Bio-Wein von 15.000 auf 60.000 ha vervierfacht. Das entspricht aktuell einem Zehntel der gesamtfranzösischen Anbaufläche.

Was Bio-Winzer anders machen

Bio-Weinbau unterscheidet sich von konventionellem Weinbau vor allem durch die folgenden Elemente:

1. Pestizide

Bio-Winzer setzen keine chemischen Herbizide, Insektizide oder Fungizide ein. Gegen Pilzbefall nutzen sie anorganische Salze, Schwefel oder biologische Mittel wie Bakterien oder Hefezellen.

2. Vegetation

Im Gegensatz zum klassischen Weinanbau wird das Gras zwischen den biologisch kultivierten Weinstöcken nicht entfernt, sondern zum Ende der Saison lediglich geplättet. Vorher bietet es Bienen und anderen Insekten Nahrung und Lebensraum.

3. Arbeitspferde statt Traktoren

Manche Bioweinbauern setzen Pferde ein, um den Boden zwischen den Weinstöcken einzuebnen. Das verhindert Dieselabgase und gestaltet für Arbeitende, Anwohner und Umwelt die Atmosphäre lärm- und stressfreier.

4. Agroforstwirtschaft

Dieses Prinzip besteht im Pflanzen von zusätzlichen Bäumen auf einem landwirtschaftlich genutzten Areal. Die Vegetation und die erhöhte Artenvielfalt bieten dabei auch dem Weinbau einige Vorteile: Bäume befördern mit ihren tiefgehenden Wurzeln Nährstoffe an die Oberfläche, verhindern die Bodenerosion und bieten Lebensraum für Vögel und Fledermäuse als natürliche Schädlingsbekämpfer.

Welche Auswirkungen hat nachhaltiger Biowein auf die Natur und die Gesundheit der Genießer?

Während im konventionellen Weinbau chemische Mittel gegen Unkraut (Herbizide), Insekten (Insektizide) und Pilze (Fungizide) zum Einsatz kommen, ist dies im Bio-Anbau ausgeschlossen. Bio-Winzer setzen auf ein funktionierendes Öko-System und setzen bei Bedarf Schwefel und Kupfersalze gegen Pilzbefall ein. Das Resultat sind rückstandfreie Weine. Wie genau die Pestizidrückstände in konventionell angebauten Weinen die menschliche Gesundheit beeinträchtigen, ist nicht klinisch erforscht.

Dafür besteht für einzelne Substanzen wie Boscalid, Tetraconazol und Pyrimathanil der Verdacht, dass sie die Entstehung von Krebserkrankungen fördern könnten. Als „wahrscheinlich krebserzeugend“ für den Menschen stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). auch den Unkrautvernichter Glyphosat ein, welches das meistgenutzte Pestizid im konventionellen Weinbau ist. Mit biologisch angebauten Weinen geht der Verbraucher diesen gesundheitlichen Risiken aus dem Weg.

Vorteile für die Umwelt

Auch die Natur profitiert in hohem Maße vom biologischen Anbau: Pestizide wie lambda-Cyhalothrin und Imidacloprid, die nachweislich toxisch auf Wasserlebewesen und Bienen wirken, fallen hier weg. Durch das Weglassen von chemischen Düngemitteln und dem Etablieren eines natürlichen Nährstoff-Kreislaufes verbessert sich die Bodenqualität nachhaltig. Dazu nötig ist eine begleitende Vegetation, die durch Verrotten natürlichen Dünger bildet. Darüber hinaus schenkt sie Vögeln, Amphibien und Insekten einen abwechslungsreichen Lebensraum und trägt zum Artenschutz bei.

Biowein aus Frankreich: Leckere Tropfen im Überblick

Die folgenden Winzer vereinen französische Weinkultur und ökologische Anbau-Konzepte:

Chateau L'Escart

Winzer Gérard Laurent stammt ursprünglich aus dem Burgund und betreibt das Château l’Escart seit 1990 gemeinsam mit dem Önologen Michel Rolland. Dabei ist das Schloss eigentlich keines, sondern eine Poststation. Unter ihr liegt der Keller, in dem 400 Barrique-Fässer die Schätze des Weinguts hüten. Die Trauben dafür gedeihen auf 30,5 Hektar Fläche auf den Hängen um das Château l’Escart. Winzer Laurent kultiviert hier Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot Noir, Petit Verdot, Malbec sowie wenig Muscadelle, Sauvignon und Sémillon. Ab Jahrgang 1993 erhielten die hier produzierten Weine vielfach Spitzenbewertungen. Heimlicher Star unter den Tropfen ist die Cuvée Château l’Escart Omar Khyam, die ihren Namen vom persischen Astronomen und Dichter bekam. Sie vereint bislang zwei Goldmedaillen und einen Prix d’Excellence auf sich.

Château de Brau

Ende des 19. Jahrhunderts erbaut liegt das Château de Brau gegenüber der mittelalterlichen Altstadt von Carcassone in Okzitanien. Das Winzerpaar Wenny und Gabriel Tari übernahm das Weingut 1982 und verdoppelten sein Anbaugebiet seitdem auf 30 Hektar. Cabernet-Franc, Grenache, Cabernet-Sauvignon, Merlot, Syrah, Cot, Chardonnay, Fer-Servadou, Cinsault, und Roussanne werden hier ausschließlich biologisch angebaut und per Hand gelesen.

Cave La Vigneronne

Am Fuße des Mont Ventoux, des „windigen Berges“ liegt der Weinbauort Villidieu. Die 200 Weinbauern der Region schlossen sich bereits in den 1930er Jahren zu einem Gemeinschaftskeller zusammen. Eine Revolution startete jedoch in den 1980er Jahren eine Gruppe von Winzern, die sich dem ökologischen Anbau widmen sollten. Sie bewirtschaften erreichen aktuell eine Produktion von 45 hl/ ha und erhalten dabei eine hervorragende Weinqualität. Dabei beherrscht die Grenache-Rebe den Anbau, Cinsault und Syrah ergänzen das Sorten-Portfolio. Charakteristisch für den Boden in Villedieu sind die Kiesel, die den lehmigen Boden schwer bearbeitbar machen. Für die Reben wirken sie sich dennoch positiv aus: Sie speichern Sonnenwärme und geben diese zu kühleren Tageszeiten wieder an die Pflanzen ab.

André Stentz

Bis ins Jahr 1674 reicht die Geschichte des Weingutes im Ort Wettolsheim zurück. Hier, einige Kilometer entfernt von Colmar, gedeihen die Traditions-Rebsorten des Elsass, darunter Gewürztraminer, Chardonnay, Pinot Blanc, Pinot Noir, Silvaner, Riesling und Pinot Gris. Seit 1984 werden sie auf einer Fläche von 8 Hektar biologisch angebaut. Winzer Stenz profitiert von der langen Tradition der Domaine und bezeichnet das Ergebnis als sortentypischen Terroirwein. Boden, Klima, Belichtung, Sorte und Geschichte des Weingutes ergeben hier Weine von charakteristischer Aromatik und Frische.

Wie könnte die Zukunft des Weinbaus aussehen?

Knapp 10 Prozent der deutschen und der französischen Winzer setzen auf den Bio-Anbau. In Zukunft wird diese Zahl vermutlich steigen, denn die Nachfrage nach biologisch und nachhaltig erzeugten Lebensmitteln wächst. Und das nicht nur in Europa. Im chinesischen Ninxia entsteht mit 15.000 Hektar Fläche aktuell der größte Bio-Weinanbau der Welt. Da die Weinproduzenten aus Bordeaux beinahe 50 Prozent ihres Umsatzes im Export erwirtschaften, müssen sie sich an die Standards ihrer Abnehmer anpassen. 

Was bringt der Klimawandel?

Hier frohlockte jüngst die New York Times, mit dem Klimawandel würde Deutschland zum zukünftigen Rotwein-Spitzenanbaugebiet avancieren. Wissenschaftler glauben, bis ins Jahr 2040 habe sich das Klima so verändert, dass ein Weinanbau bis an die Küste möglich sei. Doch was bedeuten diese Veränderungen für das klassische Rotweinland Frankreich? Hier veröffentlichten amerikanische Forscher eine optimistische Studie im Fachmagazin „Nature Climate Change“. Laut ihren Analysen sind Weintrauben in Frankreich und der Schweiz aktuell 10 Tage früher erntereif als noch vor 100 Jahren.

Große Niederschlagsmengen schaden den Trauben weniger, wenn die Temperaturen höher sind. Bei niedrigen Temperaturen kühle das Wasser hingegen die Pflanzen durch Verdunstung ab und verzögere die Reife. Laut den Ergebnissen der Forscher ist in Frankreich in den kommenden Jahren eine frühere Weinlese von höherer Qualität möglich. Falls sich die Temperaturen darüber hinaus steigern sollten, müssen gerade nordfranzösische Weinbauern wahrscheinlich verstärkt zu Rebsorten wechseln, die viel Sonne vertragen, z.B. Grenache und Syrah.

Fazit: Biologischer Weinanbau in Frankreich vor dem Durchbruch

Bio-Weinbau bringt ganzheitliche Vorteile mit sich: Einerseits vermeiden Verbraucher gesundheitliche Risiken durch Pestizidrückstände, andererseits werden die natürliche Artenvielfalt gestärkt und die natürlichen Nährstoffkreisläufe zwischen Vegetation und Boden unterstützt. Wenn diese Pluspunkte von einem reichen Bukett und erlesenen Aroma begleitet werden, braucht es kaum noch ein weiteres Argument für den Rebensaft aus Bio-Anbau.