Ratgeber

Pflegebesuche in der Pandemiezeit

Archivartikel

Die Pflegesituation an sich ist schon sehr fordernd und aufreibend. Doch Corona hat das Ganze nochmals potenziert. Schon in normalen Zeiten ist die Pflege eines Menschen sehr aufreibend und erfordert enorm viel Energie und Einsatz. Oftmals reduziert sich die Pflege auf das Organisatorische. Und dann kommt eine Ausnahmesituation und man bemerkt seit langem wieder was genau fehlt.

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Die Corona-Pandemie hat uns vieles aufgezeigt und den Finger in so manch eine Wunde gelegt. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, inwiefern wir daraus lernen werden. Das wird wohl die Zeit zeigen. Interessant ist es allemal zu sehen, dass sich viele Menschen über die mangelnde Nähe und fehlende Umarmungen beklagen. Ich glaube, uns war es lange Zeit gar nicht so bewusst, wie wichtig doch physische Nähe ist oder zumindest der regelmäßige Besuch und Austausch. In jedem Alter sind Umarmungen und Zuspruch wichtig oder ein Streicheln über die Wange.

Digitale Lösungen sind kein Ersatz für das ‚live‘ Erfahren

Ich habe mir oft vorgestellt, wenn ich die Nachrichten hörte, wie sehr doch pflegende und kranke Menschen in Zeiten von Corona leiden. Besonders, da es zum Großteil kaum Informationen seitens der Heimbetreiber gab. Ich wäre wohl fast durchgedreht, wäre das der Fall gewesen, als meine Mutter noch im Pflegeheim war. Allein die Tatsache, dass sie dort extrem gefährdet gewesen wäre und ich auch wahrscheinlich keinerlei Information bekommen hätte, kann ich mir kaum vorstellen. Da ich per se ein doch sehr emotionaler und tatkräftiger Mensch bin, könnte ich mir vorstellen, dass ich eine Lawine losgetreten hätte. Wenigstens Videotelefonie hätte schon mal dazu beigetragen, dass es keine komplette Abschottung gegeben hätte und beide Seiten, Heimbewohner*Innen und Angehörige hätten sich wenigstens sehen können. 

Keine Kommunikation – schlechter geht PR nicht

Eine Vielzahl von Pflegeheimen haben die Kommunikation mit pflegenden Angehörigen schlicht und ergreifend eingestellt oder sind nur selten ans Telefon. Begründet wurde dies durch Personalmangel und erhöhtem Arbeitsaufwand bezüglich des Umgangs mit Corona. Aber wenn ich das mal rein unternehmerisch und marketingtechnisch betrachte, wäre es wohl nicht sehr aufwendig gewesen einen Kommunikationskanal für pflegende Angehörige zu erstellen (oder eine Art Live-Ticker), über den sie regelmäßig über das Geschehen im Heim informiert worden wären. Von mir aus auch facebook, obwohl ich das nicht favorisiere. Man sollte nämlich auch beachten, dass nicht jeder einen facebook-account hat oder will. Aber ein regelmäßiges News-update per E-Mail oder einen kleinen regelmäßigen Newsletter hätte man locker erstellen können. Wenn die eigenen Kapazitäten nicht ausgereicht hätten so gäbe es doch noch zahlreiche Marketingagenturen (u.a. auch kleine Start-ups), die diese Arbeit bestimmt gerne übernommen hätten. Die Welt hätte es nicht gekostet und die ‚Kundschaft‘, denn das sind die Bewohner*Innen eines Heims und deren Angehörige, wären zum größten Teil beruhigter gewesen und man hätte einige Punkte gutmachen können.

Transparenz – Vertrauen - Wertschätzung

Drei Pfeiler, die die Grundlage für die Kommunikation einer Pflegeeinrichtung darstellen sollten. Aber auch seitens der Bewohner*Innen und deren Angehörigen müssen diese Grundpfeiler gelten. Leider gibt es sehr oft Fälle, in denen das seitens der Institutionen nicht gegeben ist. Ich habe das Gefühl, dass manch ein Betreiber so seine eigene Vorstellung davon hat, wie er mit seiner ‚Kundschaft‘ umgeht. So auch im Fall eines Heims, das in ‚Frontal 21‘ aufgezeigt wurde. Eine Immobiliengesellschaft ist der Betreiber eines Heims, dass die Zustände, die von einer Pflegerin bemängelt wurde, komplett als ‚falsch‘ bezeichnete. Jedoch selbst die eingeschalteten Behörden haben die Bedenken der Pflegerin überprüft und bestätigt. Wie kann es dann sein, dass Heimbetreiber sich auf irgendwelche Plattitüden zurückziehen?

Dass es auch anders geht zeigt die Sozial-Holding-Mönchengladbach. Man richtete sogenannte ‚Vertellbuden‘ ein (aus dem holländischen: Erzählplätze), die einfach zu desinfizieren sind und wo sich Heimbewohner*Innen und Besucher*Innen nach vorheriger Absprache treffen können, und zwar 7 Tage die Woche! 14 Termine gibt es pro Tag. Diese sind Besuchs-Container unter freiem Himmel - mit separaten Eingängen und zwei durch eine Plexiglasscheibe getrennten Räumen, in der sich Menschen auf wenige Zentimeter infektionssicher nahekommen können. Mehr davon können Sie hier lesen.

FAZIT: Es gibt auch Menschen, die in der Pflege innovativ sind und ‚neu‘ denken. Ich würde mir allerdings auch wünschen, es gäbe mehr davon.    

Bleiben Sie gesund und bis nächste Woche,

Ihre Waltraud Gehrig