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Prepaid-Tarife: Freimachende Alternative oder kurze Leine der Digitalisierung?

Archivartikel

Handys mit Prepaidkarte. Das klingt für viele schon seit Anbeginn der Mobiltelefonie nach „unfertig“. Nach etwas, das einem erbarmungslos das Gespräch abschneidet, wenn das Guthaben leer ist. Doch: Stimmt das so überhaupt noch?

Es sind unglaubliche Zahlen: 96,7 Prozent aller deutschen Haushalte verfügen über mindestens ein Mobiltelefon. Eine Bevölkerungsdurchdringung mit Mobilfunkanschlüssen, die über 100 Prozent oder genauer gesagt 135 Millionen Stück beträgt. Wie geht das? Nun, manche besitzen eben mehr als ein Handy. Doch all diese Zahlen spiegeln eines nicht wirklich wider: Mobilfunk ist zum größten Teil ein Vertragsgeschäft. Rund 64 Millionen Handyverträge können „die großen Drei“ namens Telekom, Vodafone und o2 vorweisen, dagegen nur rund 55 Millionen Prepaid-Abschlüsse. Ein Zeichen dafür, dass Prepaid irgendwie schlechter wäre? Mitnichten. Denn eine Menge Personen profitieren von den im Vorfeld bezahlten Tatsachen.

1. Die verschwommenen Grenzen

Zunächst muss man dazu allerdings mit einem weitverbreiteten Irrtum aufräumen. Denn so scharf, wie sich viele die Unterteilung zwischen Prepaid und Vertrag vorstellen, ist sie längst nicht mehr. So unterhält der Anbieter Lebara längst  ein spezielles Abo-System. Das funktioniert, indem automatisch alle 30 Tage die Karte mit einem dem gewählten Paket entsprechenden Guthaben aufgeladen wird. Aus den USA kommt das Prinzip, dem Prepaid-Besitzer auch gar keine Einschränkungen mehr zu machen. Er lädt mit einer vorgegebenen Summe auf, hat damit unbegrenzte Minuten, SMS und (in sinnvollem Rahmen) auch Datenvolumina. Bloß ist die Aufladung nur für einen bestimmten Zeitraum gültig und verfällt danach.

Unterm Strich: Es ist alles im Fluss und damit kann Prepaid auch einer steigenden Anzahl von Menschen besser dienen als Verträge.

2. Die Wenigtelefonierer

Nicht jeder gehört zu denjenigen, welche statistisch länger als eine Stunde am Tag aufs Handy schauen. Nein, das müssen nicht mal Senioren sein. Es gibt auch genügend Menschen, die ihre Internet-Angelegenheiten lieber zuhause erledigen, keine Stunden in Bus und Bahn totschlagen müssen.

Und jener Personenkreis der Wenigtelefonierer oder vielleicht neuzeitlicher „Wenignutzer“ ist damals wie heute die Kernzielgruppe der Prepaid-Anbieter. Angesichts der angesprochenen Verwischung der Prepaid-Angebote sei hier jedoch dringend empfohlen, auf das klassische Modell zu setzen, nicht auf automatisch nachladende Abos. Hier sei auch erwähnt, dass es schon seit geraumer Zeit nicht mehr erlaubt ist, das Guthaben nach einer bestimmten Nichtnutzungszeit verfallen zu lassen, so wie es in den Anfangstagen Usus war.   

3. Die Nebennutzer

Faktisch jeder Handyvertrag enthält heute die Option, sich eine Zweit-SIM auf die Nummer ausstellen zu lassen. Die Lösung für alle, die neben dem Handy vielleicht auch noch ein Tablet oder ein weniger empfindliches Handy für die Arbeit betreiben wollen? Nein, sicher nicht. Denn bei vielen Anbietern fallen dazu entweder Einmalzahlungen oder monatliche Zusatzkosten an – meist eher letzteres.

Das ist gerade für all jene, die sich nur die Option offenhalten möchten, das Zweitgerät auch abseits eines WLAN zu nutzen, schlicht überflüssig. Auch sie sind ideale Kunden für Prepaid-Tarife.

4. Die Auslandstelefonierer

Innerhalb der EU sind seit einiger Zeit sämtliche Roaming-Schranken gefallen. Bedeutet, wer hier einen Handyvertrag hat, kann damit quer von Frankreich bis Finnland telefonieren und surfen, ohne erhöhte Kosten befürchten zu müssen – egal in welchem EU-Land er sich dabei aufhält.

Doch was ist mit all jenen, die regelmäßig in andere Länder der Welt telefonieren möchten? Für sie halten die wenigsten Handyverträge Hilfreiches bereit. Im Gegenteil, da kostet diese spezielle Form der Telefonie richtig viel Geld. Für solche Menschen ist Prepaid deshalb nicht nur Option, sondern Pflicht – und sogenannte Ethno-Discounter haben sich auf genau dieses Modell mit abgestimmten Angeboten fokussiert.

5. Die Heimlichen

Wer einen Mobilfunkvertrag abschließt, der muss dazu datenschutztechnisch schon ziemlich „die Hosen runterlassen“. Der Personalausweis gehört dazu, eine Schufa-Abfrage, die Kontodaten. Und es gibt verständlicherweise eine wachsende Anzahl von Menschen, welche ihre Daten nicht so ausrollen wollen.

Nun ist es zwar mit Hintergrund Anti-Terror-Kampf seit dem 1. Juli 2017 verboten, SIM-Karten ohne Personenkontrolle zu aktivieren. Aber man kann immer noch ausweichen – etwa, indem man sich eine EU-ausländische SIM aus einem Land ohne Registrierungspflicht besorgt. Und ebenso kann man hierzulande seine SIM vollkommen legal durch eine weitere Person kaufen lassen. Das ist nicht nur erlaubt, tatsächlich empfiehlt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik das Nutzen anonymer SIMs sogar.  

Und dazu gehören natürlich auch all jene, die nicht jedem ihre normale Nummer geben möchten und einfach eine zweite benötigen – die sie im Zweifelsfall auch ganz einfach abschalten können. Und nein, dahinter müssen nicht automatisch zwielichtige Zwecke und Ehebrecher stecken. 

6. Die Kids

Schon seit Mobiltelefone in die Gesellschaft vordrangen, gehörten auch Jugendliche zu den wichtigsten Zielgruppen für Prepaid-Tarife. Daran hat sich, insbesondere mit hohen Datenvolumina und vielleicht sogar datenverbrauchsloser Nutzung von Social-Network-Apps prinzipiell nichts geändert.

Denn die wenigsten Jugendlichen haben so viel zur freien Verfügung, dass sie sich die Kosten für einen Vertrag leisten könnten – und nicht wenige Eltern möchten das auch nicht ersatzweise übernehmen. Prepaid ist hier dadurch, dass es bei den meisten Tarifen abgestufte Auflade-Optionen gibt, die sinnvollste Lösung. Denn es kann nach Bedarf und momentanem Taschengeldvolumen bezahlt werden – zumal man ja bedenken muss, dass rein rechtlich gesehen ein Handyvertrag sowieso von einer volljährigen Person abgeschlossen werden muss.

7. Die Ungebundenen

Es mag sich seit den 90ern im Handybereich viel getan haben. Eines besteht jedoch seitdem in fast unveränderter Weise fort: Wer heute einen Vertrag abschließt, der bindet sich für einen ziemlich langen Zeitraum. Zwar versuchen einige Anbieter, das mit monatlichen kündbaren Verträgen zu ändern. Allerdings sind die in der Unterzahl gegenüber der großen Masse der klassischen Verträge, bei denen sich die Laufzeiten im Bereich von satten zwei Jahren bewegen.

Und in einer Zeit, wo immer weniger Menschen sich an irgendetwas langfristig binden möchten, ist es allzu verständlich, dass diese ihre Philosophie auch auf Mobiltelefonie ausdehnen möchten.

Fazit

Ja, Prepaid ist nach wie vor die freimachende Alternative zum Handyvertrag. Prinzipiell für alle, aber in besonderem Maß für die genannten Personengruppen. Und vor allem angesichts der vielen Optionen, die es mittlerweile gibt, gibt es mutmaßlich auch viele, die nur aus Bequemlichkeit noch nicht umgestiegen sind.