Ratgeber

Was brauchen wir, wenn wir pflegen?

Archivartikel

Wir wissen, dass eine Pflegesituation eine Ausnahmesituation für alle darstellt. Umso wichtiger ist es, sobald eine gewisse Routine im Alltag eingetreten ist, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erfragen und darauf zu reagieren. Jeder Mensch ist einzigartig und somit seine Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte und Motivationen.

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Eine klassischen, durchschnittliche, häusliche Pflegesituation sieht folgendermaßen aus: die Mutter pflegt ein Elternteil und kümmert sich noch in der eigenen Familie um den Haushalt, die Kindererziehung und hat eventuell noch einen Minijob oder einen Teilzeitjob. Der Mann ist derjenige, der das ganze Konstrukt finanziell am Laufen hält. Zwei Kinder im Schulalter und eines davon pubertierend vervollständigen das Ganze. Natürlich gibt es haufenweise unterschiedliche Zusammensetzungen, aber ich kann leider nicht auf alle einzeln eingehen. Diese Beschreibung hier ist exemplarisch und soll nur aufzeigen, wer alles in welcher Art und Weise betroffen ist und welche Bedürfnisse daraus resultieren. Im heutigen Teil werde ich nur auf die Situation eingehen. Nächste Woche werde ich beschreiben, wie man solche ‚Fallen‘ vermeiden kann oder zumindest die Folgen abschwächen kann.

Allen voran: die Mutter

Sie haben vielleicht den Ausdruck ‚Sandwichmütter‘ schon einmal gehört. Das sind Mütter die relativ spät Kinder bekommen haben und zugleich in eine Pflegesituation geraten sind. Sie müssen den Spagat zwischen ihrer jetzigen Familie und ihrer Ursprungsfamilie (Eltern etc.) bewältigen. Die Bedürfnisse dieser Frauen sind in den meisten Fällen komplett in den Hintergrund gedrängt worden. Ihr Pflichtgefühl und das Gefühl der Rücksichtnahme ist teilweise überwältigend und sie verlieren den Bezug zu sich selbst und werden oft zum Spielball in der eigenen Familie. Nicht selten resultieren daraus Depressionen oder Burnoutsyndrome oder der Komplettzusammenbruch.      

Der Vater und Ehemann

Ich beschreibe eine Situation in einer Familie, in der das Ehepaar in den Spätsechzigern und Siebzigern geboren ist. Diese Situationen sind mitunter heute bei der jüngeren Generation anders gelagert. Nichtsdestotrotz gibt es viele Parallelen und wenige Änderungen in der gesellschaftlichen Entwicklung bezüglich der klassischen Rollenverteilung zu vermerken. Der Mann ist derjenige, der das Geld nach Hause bringt. Ehrlich gesagt in der heutigen Zeit auch eine schwere Aufgabe, da sehr viel Verantwortung und Druck damit einhergeht. Je nach Bildungsgrad und Herkunft sind die Arbeitsplätze heute nicht mehr so sicher wie in der Vergangenheit. Zudem wird auch von den Vätern eine gewisse Rolle zuhause erwartet, so dass sie nach einem langen Arbeitstag auch dort noch funktionieren müssen. Wenn hinzukommt, dass die ‚Schwiegereltern‘ an einer neuen Familiensituation ‚schuld‘ sind kommt es meistens zu heftigen Spannungen. Viele ziehen sich aus solchen Situationen raus und überlassen das meiste der Frau. In der Regel leidet auch die Beziehung. Sexualität und körperliche Nähe kommen oft zu kurz. Wenn es dann noch Probleme mit den Kindern oder der Wohnsituation gibt, wird es immer schwieriger und ein Teufelskreis beginnt.

Die Kinder

Die heutigen Erziehungsansätze sind in der Regel anders als früher und das ist auch gut so. Zeiten ändern sich und die Menschen verändern sich. Einhergehend damit auch Überzeugungen und Denkweisen. Während es jedoch in meiner Generation noch üblich war, dass man auch als Kind Pflichten als Teil der Familie übernehmen muss, ist das oftmals heute nicht mehr der Fall. Man will die Kinder ‚beschützen‘ und eine ‚unbeschwerte‘ Kindheit mit auf den Weg geben. Das kann ich alles gut nachvollziehen. Doch soziale und emotionale Kompetenzen sollten wir alle vornehmlich in der Familie und nicht alleine durch Lehrer*Innen oder als Teil einer Mannschaft, z.B. im Verein, lernen. Dazu gehört es mitzuerleben, dass Menschen krank werden und sterben können. Oft ist es so, dass Eltern die Kinder außen vorlassen, wenn die Großeltern zum Pflegefall werden. Auch zuhause werden nur die wenigsten eingespannt und wenn, dann zudem mit Hinblick auf die klassische Rollenverteilung (Mädchen helfen im Haushalt, Jungs den Vätern bei handwerklichen Arbeiten). Wir waren zuhause zu zweit: Mein Bruder um viele Jahre älter. Dennoch achteten unsere Eltern darauf, dass wir beide in allen Bereichen etwas mitbekommen und somit musste auch mein Bruder Geschirr spülen und Saugen und ich half meinem Vater beim Radwechsel am Auto. Geschadet hat es uns beiden nicht.

Doch Kinder stehen in solch einer Situation eher im Hintergrund und müssen ganz schön zurückstecken. Ihnen wird in der Regel nicht mehr die Aufmerksamkeit zuteil, derer sie sich normalerweise gewiss sein konnten. Hinzu kommt, dass die geliebten Großeltern nicht mehr in der gewohnten Weise für sie da sind. Alles kommt zu kurz und sie merken, dass es immer mehr Spannungen zwischen den Familienmitgliedern gibt, die aber nur selten thematisiert werden - wenn überhaupt.     

Die zu pflegende Person

Die Menschen, die krank werden und gepflegt werden müssen, hadern zuweilen mit ihrem Schicksal. Besonders, wenn sie zuvor aktiv im Leben standen und viele soziale Kontakte hatten. Nur in wenigen Fällen klappt es, dass das Umfeld soziale Umfeld weiterhin so aktiv bleibt, wie zuvor. In der Regel werden die Menschen immer einsamer und warten daher sehnsüchtig auf den Besuch der Pflegepersonen. Die kommt in der Regel vorwiegend, um Praktisches zu erledigen und hat nur wenig Zeit für eine gute Konversation. Manches wird nicht so gemacht, wie man es selbst gemacht hätte und der Unmut steigt. Die kranken Menschen fühlen sich vernachlässigt, vereinsamen und verbittern. Dafür hat man doch seine Kinder nicht auf die Welt gebracht! Und erzogen wurden sie doch auch anders, oder nicht?

Sie sehen an dieser sehr oberflächliche Darstellung, wieviel Sprengkraft in solch einer Pflegesituation steckt. Wie kann man dem entgegenwirken? Ich gebe Ihnen nächste Woche einige Tipps, wie man aus solchen Situationen lernen und Kraft schöpfen kann und wie man diesen Zündherd in ein wärmendes Kaminfeuer umwandelt.

In diesem Sinne – Bleiben Sie gesund!

Ihre Waltraud Gehrig