Ratgeber

Wie soll das alles gehen?

Es gibt einen Grund, warum es in der englischen Sprache den Ausdruck ‚German Angst‘ gibt. Ich finde Angst dominiert bei vielen Menschen in unserem Land den Alltag. Aber ich kann auch sehr gut verstehen, dass die Angst in manchen Lebensphasen übermächtig ist. Ich habe das am eigenen Leib verspürt. Doch was kann man dagegen tun? Wie kann man der Angst im Pflegealltag begegnen?

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“ sagt der Volksmund. Das finde ich auch. Aber mein Vater hatte eine andere Meinung, die ich übrigens heute auch besser nachvollziehen kann. Angst schärft bisweilen die Sinne, kann aber gleichzeitig auch die Augen vor vielem verschließen, was sehr wichtig sein kann. Mein Vater hatte immer Bedenken, weil ich in jungen Jahren niemals ängstlich war, sondern eher draufgängerisch veranlagt. Als Polizist hat er so manches erlebt und gesehen und wahrscheinlich mehr als einmal die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, wenn er mal wieder mitbekam, was ich alles so veranstaltete. Mit der Zeit hat sich das verändert. Ich habe schon so manches in meinem Leben erlebt und ich muss gestehen, dass meine ursprüngliche Sorglosigkeit doch einer gewissen Vorsicht gewichen ist, die ich allerdings nicht als Angst bezeichnen würde.

Doch wenn es um einen nahestehenden Menschen geht?

Ich selbst habe keine Kinder, doch was ich nach der Pflegesituation mit meinen Eltern jetzt besser nachvollziehen kann ist die oft lebenslange Sorge von Eltern, dass ihren Kindern etwas zustoßen kann. Das habe ich ähnlich empfunden, als meine Eltern beide Pflegefälle waren. Immer hatte ich das Gefühl, nicht richtig abschalten zu können und die Gedanken kreisten oftmals darum, was mich zuhause erwartet. Besonders das Klingeln des Telefons war wirklich eine Tortour und hat zunächst mal eine gehörige Portion Adrenalin freigesetzt.  

Man weiß, dass es irgendwann zu Ende geht, doch…

Natürlich wissen wir alle, dass irgendwann mal das Leben zu Ende geht. Die Mehrzahl der Menschen hat Angst davor. Doch bei manchen ist es nicht so sehr der Tod selbst, der ängstigt, sondern die Vorstellung des Einzelnen, wie schmerzhaft der Tod sein kann oder die Frage, ob man viel und lange leidet. Gerade bei chronischen Erkrankungen und sehr langen Leidenswegen ist es daher notwendig, dass man eine sehr ausführliche und gute Patientenverfügung verfasst hat. Aber Achtung: Das geht nicht zwischen Tür und Angel. Mit diesem Thema sollte man sich längere Zeit beschäftigen. Einer unserer Pflegenetzwerkpartner, Dr. Ulrich Hildenbrand ein praktizierender Anästhesist, hat dies schon vor über zwanzig Jahren erkannt und als Resultat hat er ein sehr ausführliches System entwickelt, mit Hilfe dessen man eine juristisch einwandfreie und sehr detaillierte Patientenverfügung erstellen kann. Mehr Informationen können Sie hier finden.  

Angstattacken können urplötzlich auftauchen

Ich habe schon oft gelesen, dass es Menschen gibt, die von heute auf morgen Panikattacken und Angstzustände hatten. Ein Vielflieger, der eines Morgens aufwacht und keinen Flieger mehr besteigen kann oder ein Busfahrer, der urplötzlich seinen Bus nicht mehr betreten kann. Ängste haben Auslöser und können bewältigt werden, aber man sollte sich dafür Unterstützung und Rat einholen. Ein Onlineangebot hat die Deutsche Angsthilfe auf ihrer Webseite. Es gilt nicht zu unterschätzen, wie sehr manche Menschen gerade jetzt unter der Pandemie zu leiden haben, dadurch eventuell Existenzängste entwickeln und vielleicht noch zusätzlich eine Pflegesituation bewältigen müssen, die zudem sehr kostspielig sein kann. In solchen Momenten ist Unterstützung nahezu lebensnotwendig und Gott sei Dank gibt es neben solchen Initiativen auch oftmals Selbsthilfegruppen vor Ort, denen man sich anschließen kann. Doch auch handfeste Ratschläge sind wichtig: wo bekomme ich zusätzlich (finanzielle) Unterstützung her? Ihre Pflegekasse ist dafür ein sehr wichtiger Ansprechpartner.  

Auch im privaten Umfeld kann man viel tun

Man kann neben diesen Hilfsangeboten auch im privaten einiges tun, aber dafür muss man lernen, über den eigenen Schatten zu springen. Ich kenne es von mir selbst. Ich habe zwar viele Freunde und Freundinnen, doch nur mit den engsten Vertrauten, die auch meine Situation seit Jahrzehnten kennen, habe ich über meine Gedanken, Befürchtungen und Ängste gesprochen. Bei ihnen konnte und kann ich sicher sein, dass es nicht weitergetratscht wird. Was jedoch ganz besonders wichtig für mich ist: Meine Freunde geben mir neue Impulse, zeigen mir wertvolle neue und andere Perspektiven auf und vor allem – sie machen mir Mut und geben mir den Halt, den ich in schwierigen Situationen brauche. Gerade das ist in der Pflegesituation von enormer Bedeutung.     

Haben Sie keine Angst. Vertrauen Sie sich und vor allem dem Leben. Seien Sie sicher, dass es für alle Probleme auch Lösungen gibt. Vielleicht sind diese auf den ersten Blick nicht die besten Lösungen, aber haben Sie keine Angst auch mal unbequeme Wege zu gehen oder etwas auszuprobieren. Alle Wege führen zum Ziel aber es gehört Vertrauen dazu auch unorthodoxen Lösungen eine Chance zu geben.

In diesem Sinne – Seien Sie mutig und bleiben Sie gesund!

Ihre Waltraud Gehrig