Recht und Soziales

Soziales Straßen überblicken, Schubladen öffnen, Unterzuckerungen erkennen – ausgebildete Hunde können das und noch mehr

Alltagshelfer auf vier Pfoten

Archivartikel

Für einen Sehbehinderten ist ein Blindenführhund fast ein kleines Wunder – das ihm weit mehr Freiheit ermöglicht, als ein Stock es je könnte. 1916 wurde der erste systematisch ausgebildete Assistenzhund an den Kriegsblinden Paul Feyen übergeben. Seitdem hat sich das Konzept bewährt.

„Der Hund ersetzt das Augenpaar, das der Blinde nicht nutzen kann, aber gerade heutzutage dringend braucht“, erklärt Christin Huttera vom Deutschen Assistenzhundezentrum. Ein Beispiel: „Am Straßenverkehr nehmen immer mehr E-Autos teil. Sie sind so leise, dass der Blinde sie nicht hört.“

Wichtiger sozialer Faktor

Der Hund sieht die Autos. Selbst wenn der Blinde ihm das Kommando gibt, die Straße zu überqueren, hat der Hund gelernt, sich zu weigern – ein möglicherweise lebensrettender Schutz. Und die Tiere können noch mehr als das. Auch wenn sie im Dienst eigentlich nicht abgelenkt werden sollen, sind sie ein wichtiger sozialer Faktor, Türöffner im doppelten Sinne.

Die sozialen Fähigkeiten bringt der Hund in der Regel mit, den Rest muss er lernen. Das ist zeitintensiv und teuer, meistens kostet die zweijährige Ausbildung eine fünfstellige Summe. Die gute Nachricht: Sehbehinderte haben gute Chancen auf eine Kostenübernahme durch die Gesetzliche Krankenkasse.

„Auf Rezept übernehmen wir Blindenführhunde, also deren Anschaffung, Ausbildung sowie monatlich 177 Euro für Futter und Tierarzt“, erklärt Michael Ihly, Sprecher der Techniker Krankenkasse. „Die Voraussetzungen sind, dass eine Sehbehinderung vorliegt, derjenige dennoch mobil ist und sich orientieren kann.“ Gemeinsam mit einem Kostenvoranschlag eines Ausbildungszentrums reicht der Versicherte das Rezept ein.

Ausbilder, die auch geeignete Welpen aussuchen, können Interessierte zum Beispiel über das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum anfragen. Von der Geburt des Welpens bis zum Einzug beim Bedürftigen vergehen allerdings etwa zwei Jahre. Zunächst wächst das Tier in einer Pflegefamilie auf. Wenn es mit etwa zwölf Monaten kastriert ist, beginnt das ernsthafte Training. Erst nach der Abschlussprüfung ist es in seiner Aufgabe sicher genug, um den Dienst beim Sehbehinderten anzutreten.

Die emotionalen Fähigkeiten, gepaart mit einer brillanten Nase, ermöglichen eine ganze Palette an Hundeberufen. „Wir kennen Signal- und Warnhunde“, so Huttera. Während der Blindenhund ein Signalhund ist und agiert, ist beispielsweise ein Diabetiker-Assistenzhund ein Warnhund, der reagiert. Er macht seinen Halter auf eine drohende Unterzuckerung aufmerksam. Die kann er mit seiner feinen Nase riechen.

Emotionale Notlagen

Der Autismus-Hund wird meistens in Familien mit Kindern eingesetzt. Er verhindert, dass das Kind einfach auf die Straße läuft, kann es bei Bedarf suchen und in emotionalen Notlagen beruhigen. Bei Gehbehinderungen haben sich Hunde ebenfalls bewährt. „Für einen Rollstuhlfahrer werden heruntergefallene Gegenstände wie Handy, Schlüssel oder Geldbeutel zum Problem“, sagt Laura Anthes vom Verein Vita, der sich auf Assistenzhunde für körperliche Beeinträchtigungen spezialisiert hat.

Öffnen und Schließen von Schubladen oder Türen, das Drücken von Schaltern, das Ausziehen von Kleidungsstücken – das alles kann ein Hund, wenn man es ihm beibringt. Der Haken: Chancen auf Erstattung bei der Krankenkasse wie bei einem Blindenführhund gibt es praktisch nicht. Vita finanziert sich daher ausschließlich über Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren.

Ein ausgebildeter Assistenzhund kostet im Schnitt 25 000 Euro – eine Summe, die kaum einer der Bewerber aufbringen kann. Dass meist nur bei Sehbehinderten-Führhunden eine Chance auf Krankenkassen-Erstattung besteht, hängt auch damit zusammen, dass die Ausbildung nur bei diesen Hunden einheitlich ist.

Von den Assistenzhunden abzugrenzen sind die Therapiehunde. „Therapiehunde kommen zusammen mit pädagogischen Fachkräften zum Einsatz“, erklärt Huttera. Anders als bei Assistenzhunden ist die Bezugsperson der Therapeut, nicht der Hilfesuchende. Therapiehunde besuchen beispielsweise Seniorenheime und Palliativstationen. „Ein Blindenhund muss eher souverän sein als zurückhaltend. Schließlich muss er ja führen“, sagt Huttera. „Therapiehunde helfen vor allem durch Empathie, hier ist also mehr Sensibilität gefragt.“