Recht und Soziales

Ausbildung Fachkräfte für Fahrbetriebe lernen sicher steuern / Schulabschluss spielt kaum eine Rolle

Quereinstieg zum U-Bahn-Fahrer

Archivartikel

München/Berlin.Fahrgäste sicher und möglichst pünktlich von A nach B fahren: Das ist der Job von Niko Bandura. Der 21-Jährige hat vor kurzem seine Ausbildung als U-Bahn-Fahrer bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) abgeschlossen.

Dass er das Tageslicht nicht sieht, wenn er in der Fahrerkabine die Bahn steuert, macht ihm nichts aus. Im Gegenteil: „Ich konzentriere mich auf die Strecke und überlege mir Ansagen, am liebsten mit Pepp“, sagt Bandura. Das macht nicht nur ihm Spaß: „Auch die Kunden sind amüsiert und lachen, wenn sie nicht nur die Standardtexte hören.“

Fahren lernen im Simulator

U-Bahn-Fahrer kann man auf zwei Wegen werden. Der eine führt über eine dreijährige Berufsausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb, „die in der Perspektive nicht nur den Fahrdienst bei der U-Bahn, sondern auch bei Bus und Straßenbahn abdeckt“, erklärt Eike Arnold vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit Sitz in Berlin. Jedes Jahr absolvieren ihm zufolge 1100 Frauen und Männer die Ausbildung.

Der andere Weg ist der, den Niko Bandura eingeschlagen hat: Er ist ein Quereinsteiger. Die MVG bildet ihn in einem 14-wöchigen Lehrgang zum U-Bahn-Fahrer aus – in einer unternehmenseigenen Fahrschule. „Im Auswahlverfahren geht es zum Beispiel darum auszuloten, wie verantwortungsbewusst und dienstleistungsorientiert Bewerberinnen und Bewerber sind“, sagt Michael Spoerl, U-Bahn-Fahrer-Ausbilder bei der MVG. Wer im Fahrdienst tätig ist, muss absolut verlässlich sein, gute kommunikative Fähigkeiten und Deutschkenntnisse sowie Bereitschaft zum Schichtdienst mitbringen. Denn der gehört zum Alltag.

Bei der MVG dauert die Grundausbildung von Quereinsteigern elf Wochen. Einen Teil davon absolvieren die Fahrschüler an einem Fahrsimulator. Die Grundausbildung endet mit einer Prüfung, die aus je einem theoretischen, praktischen und mündlichen Part besteht.

Danach folgt ein dreiwöchiges Praktikum: Fahrschüler sitzen im Beisein eines Lehrfahrers im U-Bahn-Cockpit und steuern Züge. Danach treten sie die Abschlussprüfung an. Verläuft eine finale Fahrprobe für die Prüfer zufriedenstellend, kann der Quereinsteiger mit einem Zug unterirdisch durch die Stadt rauschen.

Die Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb ist umfassender und erfolgt neben dem Betrieb auch in der Berufsschule. Ein bestimmter Schulabschluss ist dafür erstmal keine Voraussetzung. Absolventen des Berufsbilds haben laut VDV zu gut 60 Prozent einen mittleren Schulabschluss. „Bei Bewerbern kommt es vor allem auf ihre Persönlichkeit an“, sagt Eike Arnold. Neben einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein ist ein freundliches und kundenorientiertes Auftreten wichtig. In brenzligen Situationen, etwa bei einer Schlägerei im Zug oder einer Rauchentwicklung, müssen Fahrer laut Spoerl umsichtig und besonnen agieren. An erster Stelle stehen Sicherheit und Wohl der Fahrgäste.

Vergütung unterschiedlich

Die Fahrer werden umfassend ausgebildet, um bei jeder erdenklichen Störung und in jedem Notfall den Kunden helfen zu können. „Neben der Bedienung des Fahrzeugs und der Fahrgastinformation ist die Abstimmung mit der Leitstelle ein wichtiger Teil“, erläutert Spoerl.

Der Alltag von Bus-, U-Bahn- oder Straßenbahnfahrern umfasst aber noch mehr. „Vor Dienstantritt prüfe ich, ob bei dem Zug, den ich fahren soll, technisch alles einwandfrei funktioniert“, erzählt Niko Bandura. Kleinere Fahrzeugstörungen beheben die Fahrer selbst. Bei schwerwiegenden Mängeln sorgen sie dafür, dass das Fahrzeug ausgetauscht und instandgesetzt wird.

Fachkräfte im Fahrdienst sind auch im Innendienst tätig. Dort organisieren sie den Fahrzeugpark und planen den Personaleinsatz. Sie gestalten Fahrpläne und wirken bei Marketing-Aktionen mit.

Die Ausbildungsvergütung ist laut der Bundesagentur für Arbeit unterschiedlich. Kommunale Arbeitgeber zahlen monatlich etwa zwischen 1000 Euro im ersten und 1100 Euro im dritten Ausbildungsjahr. Im privaten Verkehrsgewerbe kann die Bezahlung deutlich niedriger sein. Bei der MVG beträgt die Ausbildungsvergütung für Quereinsteiger 2550 Euro brutto im Monat. Das Einstiegsgehalt von Fachkräften im Fahrdienst liegt laut VDV durchschnittlich zwischen 1850 und 2500 Euro – hinzukommen Schichtdienstzuschläge und Sozialleistungen. Fachkräfte im Fahrbetrieb können sich, wie Fahrerinnen und Fahrer, zum Beispiel zum Verkehrsmeister fortbilden. Niko Bandura kann sich vorstellen, eines Tages als Lehrfahrer zu arbeiten. „Aber erst einmal möchte ich ein bis zwei Jahre ganz normal als U-Bahn-Fahrer arbeiten“, sagt er.

Die Branche steht vor großen Herausforderungen – es ist nicht ausgeschlossen, dass eines Tages U-Bahnen automatisch fahren, ohne Besatzung im Cockpit. Weswegen aber die Fahrer nicht arbeitslos werden: „Für das Steuern der Fahrzeuge und das Überwachen, ob alles reibungslos läuft, wird dann immer noch qualifiziertes Personal gebraucht“, so Spoerl. dpa