Reise

19 200 Kilometer auf dem Fahrrad

Innerhalb eines Jahres ist der Spanier Alejandro Peña durch 23 Länder geradelt. Unterwegs am meisten beeindruckt hat ihn die Hilfsbereitschaft der Menschen.

Herr Peña, 19 200 Kilometer auf dem Fahrrad – wieso tut man sich das an?

Ich habe jahrelang mit dem Gedanken gespielt, eine größere Reise zu unternehmen. Ich war mir nur nie sicher, wie ich unterwegs sein wollte. Trampen? Backpacken mit Bus und Bahn? Oder eine Fahrradreise? Weil ich so gerne radle, habe ich mich am Ende für das Fahrrad entschieden.

Sie waren in 23 Ländern. Welches hat Ihnen am meisten gefallen?

Oh, das kann ich gar nicht sagen. Jedes Land, in dem ich war, hat seine Besonderheiten. Die Türkei zum Beispiel war der erste muslimische Staat, in dem ich war. Ich mochte das Essen, die Leute, die Landschaft. In Iran war die Gastfreundschaft unglaublich. Ich hätte mindestens einen Monat länger bleiben müssen, um alle Einladungen anzunehmen. In Turkmenistan war ich zum ersten Mal in der Wüste. Die Sonnenauf- und -untergänge waren unbeschreiblich schön.

Wie haben die Menschen reagiert, wenn sie Sie gesehen haben?

Sehr positiv. In Südostasien beispielsweise sind die meisten Leute sehr freundlich und gesprächig. Viele sind mit dem Roller neben mir hergefahren und haben mich angesprochen. Fast alle wollten wissen, wo ich herkomme und wo ich hinfahre - das waren die typischen Fragen. Viele haben auch gefragt, ob ich keine Angst hätte, alleine unterwegs zu sein.

Was haben Sie geantwortet?

Dass es mir gefällt, allein zu reisen. Ich mag es auch, unter Leuten zu sein. Während der Reise war ich immer wieder mit anderen Fahrradfahrern unterwegs. Aber ich habe auch kein Problem damit, ein paar Tage lang mit niemandem zu sprechen.

Angst vor einem Überfall oder Schlimmerem hatten Sie nicht?

Nun ja, in Tadschikistan gab es im Juli einen Anschlag. Terroristen haben vier Radfahrer im Süden des Landes mit dem Auto überfahren. Als das passiert ist, war ich gerade in Iran unterwegs in diese Richtung. Da habe ich lange überlegt: Soll ich die Route ändern? Nach ein paar Tagen habe ich mich für die Weiterfahrt entschieden. Zum Glück, Tadschikistan ist wunderschön.

Ihnen selbst ist aber nichts passiert?

Ausgeraubt oder bedroht wurde ich nie. Das Schlimmste, was mir passiert ist, war, dass mir in Vietnam das Zelt gestohlen wurde. Da ich so schnell keinen Ersatz gefunden habe, musste ich einen Monat lang im Freien übernachten. Am gefährlichsten war für mich der Verkehr. Viele Autofahrer nehmen keine Rücksicht auf Fahrradfahrer. In Kirgisistan hat mich ein Autofahrer bei einem Überholmanöver fast vom Rad geworfen. Er war betrunken, ist Schlangenlinien gefahren. Sein Auto hat meine Taschen berührt. Ich hatte Glück, dass nichts passiert ist.

Hatten Sie selbst auch einmal einen Unfall?

Ja, in Myanmar, aber daran war kein Auto beteiligt. Ich war auf dem Weg zur thailändischen Grenze. Im Dschungel, mitten im Nirgendwo, bin ich an einem steilen Hang vom Rad gefallen, als ich über einen Stein gefahren bin und mein Vorderreifen explodiert ist. Auch da hatte ich Glück, dass nicht mehr passiert ist. Ich habe mir die Hände und Arme aufgeschürft, eine Rippe gebrochen. Aber ich hatte keine schweren Verletzungen und das Fahrrad war noch ganz. Ich bin dann zur Grenze getrampt und am nächsten Tag weitergefahren. In der Nähe war kein Krankenhaus.

Wie viele Kilometer sind sie pro Tag gefahren?

Das war abhängig von vielen Faktoren: vom Wetter, meiner Kondition, den Straßenverhältnissen. Im letzten Monat waren es ungefähr 110 Kilometer täglich.

Wie viel Gepäck hatten Sie dabei?

Nur das Nötigste. Inklusive Zelt, Wasser und Lebensmitteln waren es ungefähr 43 Kilogramm.

Wie haben Sie sich auf die Reise vor- bereitet?

Zuerst habe ich ein Buch über Langzeitradreisen gelesen. Danach bin ich über Blogs mit erfahrenen Radreisenden in Kontakt getreten. Körperlich habe ich mich gar nicht vorbereitet. In Bristol bin ich jeden Tag 35 Minuten zur Arbeit geradelt. 130 Kilometer pro Woche, das hat gereicht.

Und wie haben Sie die Reise finanziert?

Von Erspartem. Mein Budget lag fast immer unter zehn Euro täglich. Da ich meistens im Zelt übernachtet habe, war Essen im Grunde das Einzige, wofür ich Geld ausgeben musste. Höhere Kosten hatte ich nur für Visa, Zugfahren oder Fahrradersatzteile, wenn etwas kaputtgegangen ist.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Es hat mich überrascht, wie viele Menschen mir etwas geben oder helfen wollten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die Leute meinen es gut mit einem, das war die wichtigste Lektion. Ein Chinese wollte mir sogar eine Art Heizung für die Schuhe schenken. Ich habe ihm so nett wie möglich klargemacht, dass ich das Gerät nicht gebrauchen kann – zumal ich ja keine Steckdose an meinem Fahrrad habe.

Freuen Sie sich darauf zurückzukehren oder würden Sie lieber weiter- radeln?

Es ist okay so, wie es ist. Ich vermisse Europa, meine Familie, meine Freunde – mein altes Leben. Wobei ich das Radreisen immer noch gerne mag. Ich hatte ein Jahr überhaupt keinen Stress, war die meiste Zeit im Reinen mit mir selbst. Aber so langsam habe ich Lust bekommen, mich eine Weile niederzulassen.