Reise

Über 100 spitze Zähne

Im Chitwan-Nationalpark in Nepal hat eines der seltensten Krokodile der Welt einen Rückzugsort gefunden.

Der Fluss der letzten Urkrokodile entspringt am Fuße des Himalaja und ist doch kein reißender Gebirgsstrom. Träge fließt das schlammbraune Wasser des Rapti vorbei an bleichen Sandbänken und dichtem Ufergestrüpp. Hier im Süden Nepals ist das Land der 8000er so flach wie die Niederlande und liegt teils kaum 100 Meter über dem Meeresspiegel. Doch der Rapti birgt ein Geheimnis: Fast nur noch hier im Chitwan-Nationalpark lebt der Gangesgavial, eines der seltensten Krokodile der Welt.

Die urtümlichen Echsen sieht man am ehesten auf einer Fluss-Safari. Die erste Begegnung mit dem Reptil ist eindrucksvoll. Wie ein angeschwemmtes Fossil liegt das Krokodil am Flussufer und lässt sich die Nachmittagssonne auf den gepanzerten Rücken scheinen. Langsam nähert sich das Boot dem sonderbaren Reptil mit der lang gezogenen Schnauze. „Nur wenige Menschen bekommen heute noch einen Gavial zu sehen“, flüstert Safari-Guide Arjun Tamang. Mit seinen über 100 Zähnen, die wie ein Reißverschluss aus spitzen Dornen von Ober- und Unterkiefer ineinander ragen, sieht es wahrhaft prähistorisch aus.

Der Bootsführer steuert den Kahn mit seiner Bambusstange näher an die Sandbank, aber die Strömung treibt ihn flussabwärts. „Gaviale gehören zu den ältesten Tierfamilien und sind nur entfernt mit anderen Krokodilen verwandt“, erklärt Tamang, während sein Boot weiter den Rapti hinunterschippert. „Sie können bis zu sieben Meter lang werden und sind die längsten Krokodile der Welt.“ Tatsächlich gibt es historische Berichte, die diesen Rekord bestätigen. Nil- und Salzwasserkrokodile werden jedoch vereinzelt heute noch über sechs Meter lang und deutlich schwerer. In den letzten Jahrzehnten wurden kaum noch Gaviale beobachtet, die länger als fünf Meter waren. Rekordverdächtig sind sie dennoch – aus einem traurigen Grund. Die Tiere gehören zu den seltensten Reptilien der Welt. „Wir haben heute nur noch 198 wilde Gaviale in Nepal“, sagt Tamang. Laut der Weltnaturschutzunion ist die Zahl der Gangesgaviale seit der Mitte des 20. Jahrhunderts um bis zu 98 Prozent zurückgegangen. Damit gehören sie zu den bedrohtesten Tieren Südasiens.

Die meisten Touristen, die Nepal besuchen, zieht es nur in den Himalaja. Diejenigen, die dem Chitwan-Nationalpark im Süden einen Abstecher einräumen, wollen vor allem die Panzernashörner und Tiger sehen. Nur wenige wissen, dass es hier im Terai, jener einst dicht bewaldeten, von Sümpfen durchzogenen Tiefebene, viel mehr zu entdecken gibt. Tamangs Boot gleitet vorbei an dichtem Urwald. Kormorane, Flusskiebitze und Rostgänse tummeln sich auf dem schmalen Uferstreifen. Smaragdfarben schillernde Bienenfresser segeln durch die Luft und eine Schlangenweihe späht von einem abgestorbenen Baum nach Beute. Auf einer Sandbank liegen zwei fette Sumpfkrokodile. Die entfernten Verwandten der Gaviale erreichen zwar nicht deren Länge, furchteinflößend sehen aber auch sie aus. „Als ich zehn oder elf war, wurde ein Nachbarsjunge von einem Sumpfkrokodil angefallen“, erzählt Tamang. „Der Junge kam mit einem zerfetzten Bein davon.“ Der 25-jährige Tamang ist in einem Dorf am Rand des Nationalparks aufgewachsen. Seine Großeltern zogen in den 70er Jahren aus dem Himalaja in den Süden. Neues Ackerland durch trockengelegte Sümpfe und die fast ausgerottete Malaria versprachen ein besseres Leben als in den Bergen. „Als Kinder lernten wir, beim Spielen am Fluss immer nach den Sumpfkrokodilen Ausschau zu halten“, erzählt Tamang. „Neben den Gavialen konnten wir aber sorglos schwimmen. Manchmal machten wir uns einen Spaß daraus, sie von ihren Sandbänken zu verscheuchen.“ Auf dem Speiseplan der Gangesgaviale stehen vor allem Fische. Für den Menschen sind sie nicht gefährlich.

„Die Zerstörung der Lebensräume, die Verschmutzung der Flüsse und die Überfischung haben dem Gavial zugesetzt“, sagt Bed Bahadur Khadka. Der Nepalese ist Herr über 600 Krokodilkinder im Gavialzentrum von Chitwan. Hier werden die Nestlinge bis zu ihrer Freilassung aufgezogen. Der Größe nach getrennt werden sie in flachen Becken gehalten, bis sie etwa einhalb bis zwei Meter lang sind und damit sicher vor den meisten Fressfeinden.

„Wir haben seit 1978 mehr als 1200 Gaviale im Rapti, Narayani und anderen Flüssen ausgesetzt“, erklärt Khadka, „aber etwa 75 Prozent verlieren wir flussabwärts nach Indien.“ Die meisten der während der Monsunregen über die Grenze geschwemmten Tiere kehren nie wieder an ihren Geburtsort zurück, weil Staudämme für sie zum unüberwindbaren Hindernis werden. „Manchmal schicken uns indische Kollegen Fotos von ihnen“, sagt Khadka, „aber dort gibt es kaum noch geeignete Lebensräume.“

Tamangs Boot ist an der Mündung des Rapti angekommen. Über dem Narayani geht der orangerote Ball der Sonne unter und wirft ein rubinfarben glitzerndes Band in die Strömung. „Von hier aus kann man an klaren Tagen die schneebedeckten Gipfel des Himalaja sehen“, sagt Tamang. „So viele Touristen kommen allein wegen der 8000er nach Nepal“, sagt der Guide, „aber eigentlich ist eine Reise ohne einen Besuch in Chitwan nicht komplett.“ Mit seiner Artenvielfalt ist die Heimat der Gaviale spitze. Rekordjäger haben es hier nicht schwer. Statt Steigeisen und Berg-Ausrüstung genügt ihnen im Tal der Urkrokodile allein ein Fernglas.

Zum Thema