Reise

Ab zum Wasser

Archivartikel

Fernreisen? Tauchen? Urlaub am Meer? Coronabedingt derzeit kaum möglich. Doch es gibt ein Trostpflaster: Das Nausicaa-Aquarium in Nordfrankreich bringt die Weltmeere nach Europa.

Es fängt an wie ein Horrorfilm. Abgedunkelte Räume. Meeresrauschen. Donnernder Bass. Eine Rolltreppe führt hinab in die Tiefe, umgeben von einer Videoleinwand, über die eine Welle dahin rauscht. Unten angekommen, taucht ein riesiges Hai-Gebiss auf, dann ein Taucherkäfig und schließlich ein Becken mit 10 000 Kubikmeter Wasser. Ist das noch ein Museum und schon Hollywood?

Die Rede ist von Nausicaa, dem französischen Meereszentrum, das sich in der Hafenstadt Boulogne-sur-Mer südlich von Calais befindet. Das Riesenaquarium dient zum einen als maritimes Forschungsinstitut, zum anderen entführt es die Öffentlichkeit in die Welt der Ozeane. Gerade in Corona-Zeiten kann dies ein Trostpflaster für all diejenigen sein, die gerne in die Ferne reisen würden. Meeresrauschen! Tauchen! Schwimmen mit bunten Fischen! Im Nausicaa ist die Schmalspur-Variante möglich: Meeresbewohner aus aller Welt, wenn auch hinter Glas.

Von außen wirkt das Nausicaa wenig beeindruckend: ein großer grauer Betonklotz, über dem unablässig die Möwen kreisen. Hat man die Eingangsprozedur aber erst einmal überstanden – Mundschutz anlegen, Hände desinfizieren, Metalldetektor passieren -, eröffnet sich eine gut durchdachte Ausstellung.

Nach der effekthascherischen Begrüßung folgen die Informationen. Besucherinnen und Besucher erfahren, dass die weltweite Hai-Population dramatisch zurückgeht, was wiederum das gesamte Ökosystem gefährdet. Die Angst der Menschen vor den bis zu sechs Meter langen und zwei Tonnen schweren Raubtieren dürfte vor allem in Hollywood-Filmen begründet liegen – eine Tatsache, mit der das Museum geschickt spielt.

Doch es sind nicht nur Haie, die im Meereszentrum gezeigt werden. Mondquallen schweben direkt über den Köpfen des Publikums hinweg, gefolgt von einem 18 Meter langen gläsernen Unterwassertunnel. Fischschwärme, wohin man sieht. Knapp 58 000 Tiere leben in dem Meeresforschungszentrum. Laut Nausicaa wurden die meisten von ihnen in Gefangenschaft geboren.

Der Unterwassertunnel im Nausicaa wirkt wie ein zu groß geratenes Aquarium. Schon dieser Anblick ist ziemlich beachtlich. Getoppt wird er nur vom „Big Tank“: ein 60 Meter langes, acht Meter tiefes Becken, in dem sich Manta-Rochen, Haie und kleinere Fischarten tummeln. Zu sehen ist das Ganze in einem abgedunkelten Raum mit mehreren Sitzreihen – wie Kino, nur in echt.

Wieder untermalt eine beruhigend plätschernde Musik das Spektakel. Ehe man sichs versieht, führt ein Aufzug, der wie eine Druckkammer gestaltet ist, in die nächste Etage. Was die Frage aufwirft, ob die Inszenierung nicht an manchen Stellen über das Ziel hinausschießt. Als Meeresforschungszentrum will Nausicaa den Lebensraum schützen, den es vor Ort präsentiert. Mit dem erhobenen Zeigefinger will man aber nicht daherkommen. Erst kommt das Staunen, dann das Denken.

Wer sich von der gut gemachten Kulisse berieseln lassen möchte, kann das im Nausicaa zweifellos tun. Alle anderen finden aber auch tiefer gehende Informationen. So wird erklärt, welche der im Aquarium schwimmenden Spezies gefährdet sind und warum (Tenor: Der Mensch ist schuld). Manchen setzt die Überfischung zu, andere werden gejagt, wieder andere kommen mit der Übersäuerung der Meere nicht klar. Die neueste Sonderausstellung des Nausicaa beschäftigt sich deshalb explizit mit dem Klimawandel.

Die Quallen-Schwärme wiederum wachsen durch den Anstieg der Wassertemperatur ins Unermessliche. „Haben wir bald ein Quallen-Meer?“, orakelt eine Infotafel. Wenige Meter weiter läuft ein Wetterbericht in Dauerschleife: Unwetter, Stürme, Zerstörung. Es steht nicht gut ums Meer, so viel ist sicher.

Damit die Besucher trotzdem noch Hunger auf den zertifizierten Fisch haben, der im Nausicaa-Restaurant serviert wird, gibt es auch allerlei heitere Momente: Kalifornische Seelöwen, die vor Publikum gefüttert werden. Afrikanische Pinguine, die schnatternd übers Gelände watscheln. Forschungsprojekte, die sich mit der Wiederansiedlung von Korallenriffen befassen. Wer eine geführte Tour bucht, kann bei der Fütterung der Tiere oder der Reinigung der Glasflächen zuschauen.

Für die Region ist das Meereszentrum ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In der Hochsaison arbeiten bis zu 250 Personen in Nausicaa; die Ausstellung wird kontinuierlich erweitert. Seit der Eröffnung im Jahr 1991 kamen über 17 Millionen Besucherinnen und Besucher in das Aquarium. Zuletzt waren es sogar eine Million pro Jahr. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung nun jäh gestoppt. „Wir haben ein Limit von 3400 Personen am Tag“, erklärt Nausicaa-Sprecherin Alexandra Pourre.

In der Ausstellung gelten die aktuellen Hygieneregeln, wie sie auch in Freizeitparks oder Museen üblich sind: In allen Bereichen herrscht Maskenpflicht, Abstandsmarkierungen auf dem Boden zeigen, wer wo stehen darf. Alle, die diese Vorgaben vor lauter Staunen vergessen, werden von Sicherheitsbeamten darauf hingewiesen, doch bitte in die richtige Richtung zu laufen.

Nausicaa ist übrigens kein französisches Wort. In der griechischen Mythologie heißt so eine junge Frau, die sich um einen Schiffbrüchigen kümmert. Dieser gibt sich schließlich als Odysseus zu erkennen und spielt mit dem Gedanken, Nausicaa zu heiraten. Der Name sagt viel über das Selbstbild des französischen Meereszentrums aus: Auch hier will man sich kümmern. Nur dass diesmal kein Schiffbrüchiger in Gefahr ist, sondern das Meer selbst.