Reise

Abwandern und Tee trinken

Archivartikel

Strand, Tempel, Streetfood: All das ist Malaysia. Aber nicht nur. In den Cameron Highlands führen Wanderwege über dschungelbewachsene Berghänge zu Teeplantagen.

Die Hunde knurren und bellen, als Patrick Connors den Hügel zum Waldrand emporsteigt. Das hier ist ihr Revier. Doch der 31-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Ohne anzuhalten geht er an dem Rudel vorbei. Zähnefletschend ziehen sich die Tiere unter die tief hängenden Äste des Dschungels zurück.

Auf den Wanderwegen rund um das Städtchen Tanah Rata sind immer wieder Straßenhunde unterwegs. Auch deshalb sollten Wanderer sich unbedingt über die Streckenverhältnisse informieren und jemandem ihre geplante Route mitteilen, bevor sie aufbrechen.

Tanah Rata ist das Zentrum der kühlen Cameron Highlands, einem Höhenzug circa 200 Kilometer nördlich der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Der 11 000-Einwohner-Ort ist weder besonders groß noch besonders schön. Rechts und links neben der viel befahrenen Hauptstraße reihen sich indische Restaurants an kleine Lebensmittelgeschäfte und Souvenirläden. Dennoch zieht es viele Malaysia-Reisende nach Tanah Rata. Denn die Stadt ist der ideale Ausgangspunkt für Wanderungen sowie die Besichtigung von Teeplantagen und Erdbeerfeldern. Auf rund 1500 Meter Höhe ist es außerdem längst nicht so heiß wie an der Küste, wo die Temperaturen selten unter 28 Grad fallen. Bei angenehmen 25 Grad folgt Patrick Connors, roter Bart und rotes T-Shirt, dem steilen Dschungelpfad Nummer 10 den Berg hinauf. Im Dickicht neben ihm, zwischen Farnen und Lianen, zwitschern die Vögel, zirpen Zikaden. Flink steigt der drahtige Amerikaner über Wurzeln und klettert über umgefallene Baumstämme. Die malaysischen Wanderwege sind nicht mit denen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz vergleichbar. Sie sind zwar nicht besonders anspruchsvoll, aber auch weniger gut instand gehalten und kaum ausgeschildert.

Für Connors ist das kein Problem. Von Mai bis September arbeitet er als Tourguide in Alaska, er bewegt sich oft in entlegenen Gegenden. Nur die Luftfeuchtigkeit, die macht auch ihm zu schaffen. Immer wieder zieht er seine schwarze Baseballmütze vom Kopf, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Rund 45 Minuten nach dem Treffen mit dem wütenden Hunderudel tritt Connors aus dem Wald heraus. Wenige Hundert Meter trennen ihn noch vom Gipfel. Oben angekommen holt er seine Kamera aus dem Rucksack. Der Blick auf Tanah Rata auf der einen, die grünen Sträucher einer Teeplantage auf der anderen Seite des Hügels ist phänomenal. Tee wird in den Cameron Highlands schon seit dem frühen 20. Jahrhundert angebaut. 1929 gründete der Brite John Archibald Russell die erste Hochlandteeplantage des Landes. Heute produziert das Unternehmen BOH (kurz für „Best of Highlands“), das mittlerweile von Russells Enkelin Caroline geführt wird, etwa vier Millionen Kilogramm Tee pro Jahr – eine Menge, die für 5,5 Millionen Tassen Tee am Tag ausreicht. Angebaut wird auf einer Fläche von rund 1200 Hektar. Mit rund 243 Hektar ist die Teeplantage Sungei Palas, zwölf Kilometer nordöstlich von Tanah Rata, das kleinste der drei BOH-Anbaugebiete in den Cameron Highlands, weiß Francis Anthonysamy. Der 42-jährige Fremdenführer fährt Touristen im Geländewagen zu der Plantage und zum Mossy Forest, einem moosbewachsenen, jahrtausendealten Regenwald auf rund 2000 Meter Höhe.

Anthonysamy parkt seinen Landrover dicht neben den Teesträuchern an der Straße und wartet ab, bis alle Tour-Teilnehmer genügend Fotos von den ordentlich aufgereihten Bäumen gemacht haben. Erst dann beginnt er zu erzählen. Die meisten Pflanzen seien noch dieselben, die John Archibald Russell einst anpflanzen ließ, sagt Anthonysamy: „Die Teesträucher der Sorte Camellia sinensis können bis zu 100 Jahre alt werden.“ Geerntet werden die Blätter alle 21 Tage. „Wegen unseres guten Klimas ist das sogar ganzjährig möglich“, sagt Anthonysamy. Dann zeigt er auf einen Bereich ein Stück entfernt, auf dem die Sträucher braun statt grün erscheinen. „Alle drei Jahre werden die Bäume gestutzt“, erklärt er. Dadurch bleiben sie in einer praktischen Höhe. Seit den 1980er Jahren werden die Teeblätter auf den Hügeln der Cameron Highlands maschinell geerntet. Mithilfe von benzinbetriebenen Apparaten kann jeder Pflücker bis zu 300 Kilogramm am Tag ernten – etwa zehnmal so viel wie bei der Ernte von Hand. Bis zur Teefabrik, wo die Blätter verarbeitet werden, sind es nur ein paar Minuten mit dem Auto. Neben dem großen Gebäude am Ende der Straße befindet sich eine futuristische Ausstellungshalle mit dazugehörigem Café. Nach einem kurzen Gang durch die Fabrik mit Blick auf die Maschinen, die Blätterberge und die Arbeiter können die Tour-Teilnehmer dort ein Tässchen trinken, bevor Francis Anthonysamy sie zurück nach Tanah Rata fährt. „Trinkt, so viel ihr könnt, solange der Tee noch günstig ist“, rät er, nur halb im Spaß. Aufgrund des Klimawandels sei es gut möglich, dass die feinen Blätter demnächst zur Mangelware werden. „In nicht allzu ferner Zukunft könnte schon eine einzige Tasse 50 Euro kosten.“ Nach diesen Worten schmeckt der Schwarztee besonders aromatisch. Vielleicht liegt es aber auch am Blick auf die tiefgrünen Teesträucher, die direkt unter der Aussichtsplattform des Cafés wachsen.

Zum Thema