Reise

Ach, du dicker Baum

Archivartikel

Vancouver Island lockt mit seltener Natur: Hier gibt es einige der wenigen Regenwälder in gemäßigten Breiten. Darunter sind mehr als 1000 Jahre alte Riesen.

Nur wenige Sonnenstrahlen fallen auf die riesigen Farne, weichen Moose und Flechten des Rainforest Trail im Pacific Rim National Park zwischen Ucluelet und Tofino an der Westküste der Insel. Das Blätterdach der Riesenlebensbäume, der Hemlocktannen und Sitka-Fichten ist dicht. Wer ihre Kronen sehen möchte, muss den Kopf ganz in den Nacken legen. Denn so ein Gigant kann leicht über 90 Meter hoch werden. Die Stämme schrauben sich wie Korkenzieher in den Himmel – krumm und bizarr. Unter der dicken Rinde sprießen Wucherungen, die an Kröpfe erinnern. Wurzeln schlängeln sich über den Boden und machen nicht einmal vor ihren umgestürzten Artgenossen halt, die bereits einige Jahrhunderte vor sich hin modern – Grundlage neuen Lebens.

Nur in British Columbia, Alaska und Chile sind die Regenwälder der gemäßigten Breiten noch auf größeren Flächen zu finden. Sie sind außerhalb der Tropen und Subtropen die einzigen Regenwaldgebiete der Erde. Durch Kahlschlag verschwindet immer mehr dieses Oldgrowth. Ganz erheblich, mit rund 20 Prozent, trägt die massive Abholzung des Waldes zum weltweit verursachten Ausstoß von Treibhausgasen bei. Das komplette Auslöschen eines ganzen Waldgebiets ist in Deutschland inzwischen verboten und die Forstwirtschaft konzentriert sich auf einzelne Bäume.

„Es macht viel mehr Sinn, die alten Wälder als einzigartiges Ökosystem und riesigen Kohlenstoffsenker zu schützen, anstatt neue zu pflanzen“, ist Kai Andersch überzeugt. Der Forstwissenschaftler ist Vorsitzender und Mitbegründer der deutschen Stiftung Wilderness International, die hier in British Columbia regelmäßig unterwegs ist, um Flächen mit altem Wald zu lokalisieren, zu erforschen und aufzukaufen. In den neunziger Jahren kämpften die Menschen im benachbarten Tofino, allen voran die Ureinwohner, für den Erhalt der uralten Riesen – mit dem Erfolg, dass die Unesco den Clayoquot Sound zum Biosphärengebiet ernannte und darin 2001 den Pacific-Rim-Nationalpark einrichtete.

Der Regenwald der gemäßigten Breiten ist ein artenreiches Ökosystem. Grizzlys, Pumas und Wölfe scheinen hinter dem nächsten Dickicht zu lauern.

Dieses Gefühl stellt sich zumindest nach dem Lesen der Verhaltensmaßregeln ein, die vor allzu großer Nähe zwischen Menschen und Raubtieren warnen. Jedes knackende Geräusch lässt das Grüppchen erstarren. Glöckchen am Rucksack und menschliche Stimmen erschrecken die Tiere und lassen sie normalerweise die Flucht ergreifen. Ein Schild weist auf den vielleicht ältesten Baum des Pfads hin: „Der alte Monarch war noch ein Grünschnabel, als Marco Polo 1271 zu seinen Reisen nach Asien aufbrach.“ Zu den gefürchteten und doch sehnlichst erwarteten Wildtier-Begegnungen kommt es dann im 50 Kilometer entfernten Campell River. Dieses Mal nicht im Wald, sondern auf dem Boot von Nick. Die Meeresbiologen sind vor allem an den Orcas interessiert, die im Juni an die Ostküste ziehen. Dieses Jahr lassen die Killerwale auf sich warten, und die lokalen Zeitungen sind voller Mutmaßungen über die Gründe ihres Ausbleibens. Als erstes Forschungsobjekt taucht ein Buckelwal auf. In sicherer Entfernung zum Boot springt er aus dem Wasser. Bis auch die Schwanzflosse wieder abtaucht, vergehen nur ein paar Sekunden – in der alle die Luft anhalten.

Auch hier wachsen die Bäume bis an die Ufer der zahllosen Inseln, die zwischen Vancouver Island und dem kanadischen Festland liegen. Die steinigen Strände sind ein Eldorado für Schwarzbären und Grizzlys, die sich in aller Ruhe ihre Bäuche mit Muscheln vollschlagen. Den ersten Grizzly sichtet Yukon. Der Siberian Husky begleitet Nick auf seinen Touren, denn der Vierbeiner ist ein begeisterter Wal- und Bären-Suchhund. Meist steht der Husky mit dem hellen Fell am Bug des Bootes und lässt seine Umgebung nicht aus den Augen. Die Schwarzbärin mit ihrem Jungen betrachtet er genauso mucksmäuschenstill wie alle anderen Bootsinsassen. Nur über die Wildtiere ist der Wald in British Columbia zu dem geworden, was er ist - einmalig arten- und nährstoffreich.