Reise

Epirus Die Bergregion im Nordwesten des Landes rund um Dodoni kennen die wenigsten

Ältestes Orakel des antiken Griechenlands

Griechenland gehört zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen. Die meisten Besucher verbringen ihren Urlaub, vielleicht nach einem Zwischenstopp in der Hauptstadt Athen, auf den bekannten Mittelmeerinseln. Die Bergregion Epirus im Nordwesten des Landes, mit dem mächtigen Pindos-Gebirge, kennen dagegen nur die wenigsten.

Die Priesterinnen von Dodoni saßen einst unter einer Eiche, lauschten dem Flügelschlag der Tauben und sagten daraus, wie der sich anhörte, die Zukunft voraus. Sie huldigten Zeus, dem obersten aller Götter, und weil die Eiche dessen Lieblingsbaum war, wurden die Siegeskränze erfolgreicher Olympioniken aus deren Laub geflochten.

Dodoni, mitten im Pindos-Gebirge gelegen, war das älteste Orakel des antiken Griechenlands. Allerdings hatte es auch damals schon denselben Standortnachteil wie heute – es lag fern ab vom Schuss und so lief ihm das Orakel von Delphi bald den Rang ab.

18 000 Zuschauern fanden einst im Theater von Dodoni Platz. Es schmiegt sich sanft an einen Berghang und gibt dem Zuschauer nicht nur den Blick auf die Bühne, sondern auch das dahinter liegende Tal frei. Ein Blick, der immer noch begeistert.

Fast scheint es, als wollte Zeus die für ihn geschaffene Kultstätte in besonders schönem Ambiente zeigen, denn er hat an diesem Herbsttag seinen Malkasten geöffnet. Rund ums Theater taucht er die Bäume tief in die rote und gelbe Farbe und lässt sie in allen Schattierungen leuchten. Oktober und November sind die besten Monate, um die Region Epirus im Nordwesten Griechenlands zu besuchen. Die Hitze des Sommers hat sich verzogen, trotzdem streichelt die Sonne den Besucher immer noch mit ihren wärmenden Strahlen.

Palast von Ali Pascha

15 Kilometer sind es von Dodoni nach Ioannina, der Hauptstadt der Region. Wer sie nicht kennt, muss sich nicht schämen, denn selbst in Griechenland hat die 100 000-Einwohner-Stadt allenfalls den Status eines Geheimtipps. Schade eigentlich, denn sie ist dank vieler Studenten nicht nur erstaunlich lebhaft, sondern sie liegt auch malerisch am Pamvotida See.

Eine kurze Fahrt mit dem Ausflugsboot und schon steigen die Besucher an der Ioannina-Insel an Land. Sieben Klöster kann man hier besuchen und den Palast von Ali Pascha. Der wiederum hat eine spektakuläre Lebensgeschichte zu bieten. Er war oberster Feldherr im osmanischen Reich und verdiente sich für seinen Mut den Beinamen „Löwe von Ioannina“. Anfang des 19. Jahrhunderts war er eine in ganz Europa bekannte Persönlichkeit, der auch der englische Dichter Lord Byron seine Aufwartung machte. Ali Pascha förderte Bildung und Kultur, er war aber auch bekannt für seinen Jähzorn und seine Rachsucht. Wer ihm im Wege stand, hatte meist nicht mehr lange zu Leben. Ali Paschas Mordlust hätte man im fernen Konstantinopel sicher hingenommen, doch als er begann, die Befehle des dortigen Sultans zu ignorieren und um Ioannina sein eigenes kleines Reich aufbaute, hatte er sein Todesurteil unterzeichnet. Der Sultan entsandte seine Truppen. Dem mächtigen Heer des osmanischen Reichs konnten Paschas tapfere Mannen nicht lange Widerstand leisten und so endete das Leben des Despoten mit dem Schwerthieb eines osmanischen Soldaten. Den Kopf des Abtrünnigen ließ sich der Sultan in Konstantinopel dann auf einem Tablett präsentieren.

Diese gruselige Geschichte kann man in einer Ausstellung im Palast nacherleben. Danach hat man sich fürwahr eine herzhafte Mahlzeit verdient. Die Einwohner der Insel leben vom Fischfang, die Restaurants am Hafen bieten deswegen Frischgefangenes an. Wieder zurück auf dem Festland geht es hinauf zur Festung – schon allein wegen der Aussicht und weil sie zum größten Teil von Ali Pascha wiederaufgebaut wurde, und man damit seinen Rundgang auf den Spuren des „Löwen von Ioannina abrunden kann.

Baklava aus der Antike

Epirus gehört heute zu den ärmsten Regionen Griechenlands. Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft und vom Handwerk. Beides in idealer Weise kombiniert die kleine „Baklavafabrik“ der Familie Kolionasos vor den Toren der Ioannina. Man ist stolz auf das süße Produkt, das in seiner Edelversion weltweit verkauft wird. Deswegen erzählt man dem Besucher auch gleich zu Beginn der Führung, dass Baklava nicht aus der Türkei kommt, sondern im gesamten Nahen Osten, auf der Balkanhalbinsel und sogar im Iran begeistert gegessen wird. Das älteste Baklavarezept stammt aus dem antiken Griechenland. Der Schriftsteller Athenaios hat es im 2. Jahrhundert nach Christus seinen Lesern verraten.

Ein bisschen klebrig ist Baklava schon. Da hilft ein guter Schluck Wein zum Hinunterspülen. In der Gemeinde Zitsa hat man sich im Genossenschaftsweingut Zoinos darauf spezialisiert, seltene griechische Rebsorten zu kultivieren. Schon allein deswegen werden die Verkostungen für jeden Weinliebhaber zu einem besonderen Geschmackserlebnis. Auch Lord Byron kam hier vorbei.

Wanderer kommen ins Bergdorf Zagori, denn der Pindos-Nationalpark, der gleich hinter dem Dorf beginnt, bietet perfekte Möglichkeiten für kleinere und größere Touren. Die Wanderung zum Drakolimni, dem Drachensee, soll eine der schönsten im ganzen Land sein.

Viele wilde Flüsse fließen durchs Pindos-Gebirge. Entsprechend wichtig sind und waren hier Brücken – auch um den Wohlstand zu zeigen. Um die Nachbarn auszustechen, baute man im 18.und 19. Jahrhundert möglichst kunstvolle Brücken. Da die Länge den Unterschied machte, wählten manche Bauherrn oft bewusst nicht die schmalste, sondern die breiteste Stelle des Flusses für den Bau.

Keine Brücke aber ist so breit, dass sie die mächtige Vikos Schlucht überspannen könnte. Die ist zehn Kilometer lang, bis zu 990 Meter breit und 1100 Meter tief – damit hat sie sich einen Platz im Guinness Buch der Rekorde verdient. Es geht enorm steil nach unten. Das wiederum macht die Ausblicke von den Aussichtsplattformen besonders spektakulär. Durch die Schlucht fließt der Voidomatis. Der nur 15 Kilometer lange Fluss sieht nur selten die Sonne und wird auch im Hochsommer nicht wärmer als sieben Grad. Wer beim Rafting über Bord geht, kommt vermutlich fröstelnd ans Ufer, immerhin aber muss er keine Angst haben, Wasser zu schlucken. Der Voidomatis ist nämlich einer der saubersten Flüsse Europas.