Reise

Ärzte, Ärztewahl und Hindernisse (1)

Archivartikel

In Zeiten einer Pandemie ist der Arztbesuch noch schwieriger für Pflegende und ihre Schützlinge zu bewältigen als zuvor. Mir graute es generell immer vor den Arztbesuchen, weil sie vor allem für meine Mutter aber auch für mich eine große Belastung darstellten. Beginnen werden wir mit der Arztwahl und wann ein Arztwechsel vonnöten sein kann.

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Zunächst schauen wir mal auf einen normalen, regelmäßigen Arztbesuch beim Hausarzt. Im besten Fall hat man einen Hausarzt. Gerade für ältere Menschen ist das sehr wichtig, denn beim Hausarzt sollen die Fäden zusammenlaufen. D.h. er sollte über alle Facharztbesuche Kenntnis besitzen oder diese gar anweisen und über Medikamentationen Bescheid wissen und vor allem seine Patienten auch gut kennen. Die Herausforderung in unserer Zeit ist jedoch, dass es den ‚klassischen Hausarzt‘, den wir noch von früher her kennen, nur noch selten gibt. In meiner Kindheit gab es noch viele Hausärzte, die regelmäßige Hausbesuche machten, wenn die Patienten nicht mehr aus dem Haus konnten. Das wird heutzutage immer seltener. Zudem haben niedergelassene Ärzte heute mit sehr vielen Hürden zu kämpfen, besonders finanzieller und bürokratischer Natur. Dies wirkt sich auf die Beziehung zum Patienten aus. Die meisten Ärzte veranschlagen nur noch 10 Minuten für einen Patienten und das ist in der Regel sehr wenig, denn ein älterer Mensch kann sich z.B. nicht so schnell aus- und anziehen oder braucht auch Zeit, um die Informationen zu verarbeiten. In diesem Fall sind Sie als pflegender Angehörige gefragt, um solche Situationen zu managen, sozusagen als eine Art Vermittler zwischen Arzt und Patient.      

Der eine ist zu sorglos, der andere zu akribisch

Manche Ärzte realisieren z.B. die Anzeichen einer beginnenden Demenz nicht oder nur selten. Das kann sein, dass sie sich nicht so gut mit den unterschiedlichen Krankheitsbildern auskennen oder aber den Patienten schon so lange kennen, dass sie manches übersehen. Selbstverständlich sind Ärzte keine Übermenschen, das müssen wir als Patienten oder pflegende Menschen auch anerkennen. Aber falls Sie das Gefühl haben, dass der Hausarzt ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nur noch die Rezepte zur Abholung bereitstellt und Ihren Angehörigen nicht mehr richtig untersucht und wahrnimmt, dann sollten Sie das entweder ansprechen oder die Konsequenz ziehen, einen neuen Hausarzt zu suchen, falls Ihnen dieses Angebot zur Verfügung steht und Sie nicht in einer ländlichen Region leben, wo es nur wenige Ärzte gibt.   

Die Weisse Liste

Einen guten Anhaltspunkt für Ärzte im näheren Umkreis gibt Ihnen die Weisse Liste. Sie steht Ihnen sowohl im Netz sowie als App zur Verfügung. Sie ist ein Wegweiser im Gesundheitswesen, der Arzt- und Krankenhaussuche unterstützt und viele sinnvolle Checklisten kostenfrei anbietet. Erstellt und gepflegt wird die Seite von der Bertelsmann-Stiftung und die Schirmherrschaft hat die ‚Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten‘ inne. Die Seite ist nicht kommerziell und bietet in der Tat einen guten Überblick in den Bereichen Pflege und Medizin bundesweit und ist ein hilfreicher Ratgeber für pflegende Menschen. Zudem gibt es einen Befund- und Diagnosendolmetscher, der Ihnen hilft Diagnosen und Befunde in ‚verständliches deutsch‘ zu übersetzen. 

Das Patiententelefon 116 117

Einen relativ neuen Service bietet das Patiententelefon 116 117 den Patienten. Der Dienst wird von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unterstützt und bietet z.B. eine zeitnahe Terminvergabe bei verschiedenen Ärzten in der näheren Umgebung oder bei Fachärzten mit Hilfe des Services ‚e-Terminvergabe‘. Das Patiententelefon bietet auch ein ‚Patienten-Navi‘ mit dessen Hilfe Sie in der Entscheidungsfindung unterstützt werden: Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden? Sollte ich lieber zum Arzt oder hilft ein Hausmittel? Hat ein Arzt gerade geöffnet oder muss ich auf die Dienste des Bereitschaftsarztes zurückgreifen? Ebenfalls hilfreich sind die jeweiligen Dienste der landesspezifischen Kassenärztlichen Vereinigungen, wie zum Beispiel aus Baden-Württemberg. Auch hier lohnt es sich, auf die Seite zu gehen, wenn Sie medizinische Hilfe benötigen.   

Telemedizin: Ja oder Nein?

Besonders herausfordernd ist die Lage der ärztlichen Versorgung in den ländlichen Gebieten, besonders in denen mit wenig oder fast gar keiner Infrastruktur. Die Telemedizin wird bereits in einem Großteil der Regionen Ostdeutschlands erfolgreich angewandt. In diesen Regionen gibt es immer weniger Krankenhäuser und die Ärzte vor Ort sind in der Regel keine Spezialisten. Die wiederrum werden aus den Krankenhäusern dann via Fernübertragung zugeschalten, wenn der Hausarzt zwar einen Verdacht hat, aber Unterstützung eines Spezialisten benötigt, um weitere Untersuchungen einzuleiten. Mitunter funktioniert dieser Ansatz schon sehr gut. Aber natürlich gibt es auch Befürworter und Kritiker. Auf jeden Fall gibt es den Menschen vor Ort mehr Freiraum und die Möglichkeit, länger zuhause wohnen zu bleiben, als wenn es diese Unterstützung nicht gäbe.    

Fazit: Den Arzt zu finden, der in seiner Art und der Behandlungsweise zu einem Patienten passt, ist schon als ‚Otto-Normalverbraucher‘ nicht einfach. Besonders wenn es um die Arztwahl für Menschen geht, die besondere Pflege benötigen wird sie zu einer außerordentlichen Herausforderung. Der Wohnort stellt u.a. einen Schlüsselmoment dar.

Wie Sie konkret bestmöglich einen Arztbesuch vorbereiten und mit Ihrem kranken Angehörigen bewältigen, dass lesen Sie hier nächste Woche.   

Einen wunderschönen und erholsamen Feiertag wünscht Ihnen

Ihre Waltraud Gehrig

www.pflegenetzwerke.de