Reise

Alarm in den Ateliers

Archivartikel

Einst galt Ibiza als die Insel der Hippies und Aussteiger. Heute haben es Kreative dort viel schwerer. Die Konkurrenz ist groß, die Insel klein.

Peter Ritzer hat den Pinsel abgegeben. Auf dunklen Staffeleien lassen verschwommene Öllandschaften in seinem Wohnzimmer im ibizenkischen Nirgendwo die Sonne untergehen. Malen? Das täte er immer noch, sagt er, macht ein paar Schritte in den Raum und steckt dann die Hände in die Taschen seiner Jogginghose. Manchmal. Also eher selten.

Eigentlich kommt Peter Ritzer aus Bayern. Wo auch immer er heute den Akzent mit seinem gemächlich rollenden „R“ aufschnappt, fühlt sich der 76-Jährige sofort zu Hause – und das, obwohl er in München jahrelang auf der Flucht vor dem „deutschen Spießertum“ gewesen sei, sagt er. Regelmäßig blätterte er beim Frühstück die Immobilienanzeigen in der Zeitung durch, immer auf der Suche nach einer neuen Perspektive zwischen den Seiten. Auf Ibiza wurde er schließlich fündig, packte sein Leben in einen Umzugslaster und zog auf die einstige Hippie-Insel. So wie er machten es in den letzten Jahrzehnten viele: Während man auf den Luxusjachten im Sporthafen Eivissa Nova heute eher Party-Promis wie Kanye West oder Paris Hilton erwartet, galt Ibiza lange Zeit als Fluchtpunkt für Aussteiger, Freigeister und Kreative. „Die Kunst- und Kulturszene war ständig im Umbruch“, erinnert sich Ritzer an eine Zeit, in der er mit seinen Werken von Vernissage zu Vernissage tingelte, im Akkord malte und die Bilder anschließend schneller verkaufte, als er sie zu Ende denken konnte.

Vor 30 Jahren gründete er deshalb in einer kleinen Finca am Meer die „Ruta del Arte“, einen losen Zusammenschluss von Bildhauern, Malern und Fotografen, die nicht nur gemeinsam Zeitschriften, Events und Ausstellungen entwickelten, sondern auch ihre Ateliers für Besucher öffneten. Über Jahre hinweg wuchs die Idee zur Institution, die Atelierroute zum künstlerischen Querschnitt der Insel.

Doch 2017 war Schluss für die kreative Kooperation: „Die Ruta del Arte hat immer mehr Mitglieder verloren, für die sich der Aufwand nicht mehr auszahlte. Das weiterzuführen, lohnt sich heute nicht mehr,“ erklärt Ritzer. Zwar öffnen er und ein paar andere ehemalige Mitglieder bis heute gerne ihre Ateliertüren, doch die Zeiten der groß angelegten ibizenkischen Künstlergemeinschaft sind passé. Der Grund: Der Wumms ist raus, die Szene auf der Insel müde. Vielen Kunstkäufern ginge es heute vor allem um Bilder, die sie sich zum Angeben in ihr Wohnzimmer hängen könnten, meint Ritzer. Für viele Kreative sei das nichts. „Solche künstlerischen Entwicklungen kommen in Wellen. Und diese Welle ist definitiv vorbei.“

Und das, obwohl Ibiza seinem Party- und Exzess-Image gerne etwas entgegensetzen würde. Doch statt blühender Kulturmeilen findet man in Ibiza-Stadt, der Hauptstadt der Baleareninsel, Museen und Kreativorte wie das Casa Broner, die dank Dauersanierung von Bauzäunen und Betonplatten verstellt sind. Andere wie das Teatro Pereya, das früher für seine unkonventionelle Livemusik bekannt war, bleiben gleich ganz geschlossen.

Offene Ateliers hingegen sind schwer zu finden: Die Künstlerin Marta Torres zum Beispiel lagert ihre Werke heute in einem mit Aktenordnern verstellten Hinterzimmer im Architekturbüro ihres Mannes. Selbst eine Galerie zu betreiben, sei zu viel Aufwand geworden, sagt sie. In der Kreativszene Fuß zu fassen, fällt auf Ibiza heute vielen schwer: zu klein die Insel, zu groß die Konkurrenz, die im Laufe der Jahre dem Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit gefolgt ist. Im Museum für zeitgenössische Kunst, ein weites, helles Gebäude in der Altstadt von Ibiza-Stadt, findet man heute noch die Plakate vergangener Ausstellungen.

In einer Reihe hängen dort die Namen der Künstler, die in verschiedenen Konstellationen auf Ibiza tätig waren. Peter Ritzer ist einer von ihnen, die Plakate eine Erinnerung an ein langsam verblassendes Gestern. „Heute sind die meisten Künstler Einzelkämpfer“, sagt er.

Außerhalb offizieller Kultureinrichtungen findet man die Reste der vibrierenden Vergangenheit konserviert und in Bilderrahmen verfrachtet: In der Bar Costa in der Gemeinde Santa Gertrudis zum Beispiel hängt ein echter Miro. Statt Bezahlung, so erzählt man sich hier, hätten Künstler früher ein paar Bilder dagelassen. Und so hängen heute unzählige Holzrahmen-Gemälde an den gelblich gestrichenen Wänden des Cafés, unter denen in winzigen Buchstaben große Namen stehen. Ein Museum mit Schinkenbrötchen-Atmosphäre. Auch Katja Micus verwaltet mit ihrer Galerie Espacio Micus den Rest ihres Familienerbes.

Die Ruta del Arte war eine Route offener Ateliers

Ihr Vater, Eduard Micus, zog schon 1972 auf die Insel und feierte hier als Maler beachtliche Erfolge. Auch sein Name steht auf den Plakaten im Museum für zeitgenössische Kunst. Katja selbst war damals gerade in der Pubertät. Nach Spanien umziehen? Undenkbar. Erst mal Schule, erst mal Jugend. Also zog sie in eine WG, machte eine Lehre zur Goldschmiedin und studierte Industriedesign. Erst nach dem Tod ihres Vaters folgte sie ihm schließlich nach Ibiza.

Was sie dort fand, war eine Lebensaufgabe: „Mein Vater hat auf diesem Grundstück alles selbst geplant und entworfen. Heute mache ich hier alles“, erklärt sie. Die helle, offen gestaltete Galerie, in der sie neben den Werken ihres Vaters immer wieder auch andere ibizenkische Künstler ausstellt, ist eines von drei Gebäuden, die Eduard Micus auf das Grundstück mitten in der Natur baute. Seine Tochter verlässt es heute selten. „Irgendwo ist immer ein Abflussrohr kaputt oder sonst etwas zu tun“, erklärt sie. Doch auch an ihr nagt die Zeit. Lange wird sie die Galerie nicht mehr führen können. Der Rücken schmerzt, die Kraft lässt nach. Die Zukunft? Katja Micus lächelt und schaut zur Seite. Ihre Kinder haben ihre eigenen Lebensentwürfe, weit weg von Ibiza. Übernehmen will die Galerie keiner. Wenn es so weiterläuft, kann Katja Micus sich vorstellen, zurück nach Deutschland zu gehen. In ein neues, altes Leben.