Reise

Stefan Femerling sorgt dafür, dass an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Europa“ weder der Kaviar noch das Klopapier ausgeht. Der Logistiker muss dafür sehr vorausschauend planen.

Alles muss mit

Archivartikel

Bei der Frage nach der wichtigsten Person an Bord eines Kreuzfahrtschiffes kommen die meisten Menschen sofort auf den Kapitän. Logisch, denn der hat die Verantwortung. Fast genauso wichtig ist jemand, der für die Gäste unsichtbar an Land sitzt: der Cheflogistiker. Ohne ihn gäbe es auf hoher See nichts zu essen, nichts zu trinken, weder Papier noch Putzmittel. „Der Logistik kommt bei Kreuzfahrtschiffen eine ganz zentrale Rolle zu, insbesondere bei den ausgefallenen Fahrplänen unserer Schiffe“, sagt Karl J. Pojer, der Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Cruises.

Den Einkauf hat die Reederei – wie viele andere Kreuzfahrtunternehmen – ausgelagert. Die Warenströme werden aus der Hamburger Niederlassung der Firma Sea Chefs gelenkt. Für die „Europa“, das Flaggschiff der Hapag-Lloyd-Flotte, ist Stefan Femerling (48) zuständig.

Viele Kreuzfahrtschiffe drehen über mehrere Monate Woche für Woche dieselbe Runde. Die „Mein Schiff 1“ zum Beispiel tuckert zwischen Ende Oktober 2018 und Mitte April 2019 wochenlang rund um die Kanarischen Inseln. Da erfolgt die Belieferung von Waren immer in Las Palmas auf Gran Canaria. Femerlings Kollege am Schreibtisch nebenan, der für einen Teil der Tui-Cruises-Flotte zuständig ist, hat’s also relativ gemütlich. Bei dem 48-Jährigen sieht das ganz anders aus. Denn die „Europa“ fährt regelmäßig um die ganze Welt – demnächst geht es von Dubai nach Mauritius, von Mauritius nach Kapstadt, von Kapstadt nach Buenos Aires, von Buenos Aires nach Valparaiso, von Valparaiso nach Dubai. Da muss man vorausschauend Container losschicken. Zum Glück hat der Kieler viel Erfahrung, er arbeitet seit 2001 bei Sea Chefs. Davor war der gelernte Hotelkaufmann und Koch bei der Steigenberger-Gruppe tätig. Femerling begeisterte sich schon damals für Catering. Und im Grunde macht er das bis heute - nur im großen Stil.

Dinge des täglichen Bedarfs wie Mehl, Milch oder Wasser werden drei Monate im Voraus bestellt. Eine Software berechnet, wie viel gebraucht wird. Sonderwünsche werden von Bord per Mail nach Hamburg übermittelt. Der sogenannte Hotel Inventory Controller, kurz HIC, ist Femerlings Kontaktperson auf See. „Die moderne Kommunikation hat vieles leichter gemacht“, sagt Stefan Femerling und erzählt von handgeschriebenen Listen, die früher an Land dem Hafenmeister gegeben wurden, damit er sie nach Hamburg faxt. Heute gibt es auch mitten auf dem Meer Internet und Mobilfunknetz. Aber die Technik ist auch Fluch: „Wenn der HIC was vergisst, ruft er schnell an. Also klingelt mein Handy wegen der Zeitumstellung auch nachts.“

Stefan Femerling nimmt dann Kontakt zu den Händlern auf, informiert sich über Preise und bestellt die gewünschten Sachen. Im Schnitt kommt alle zwei Wochen eine Lieferung auf dem Kreuzfahrtschiff an. Die meisten Waren werden mit Containerschiffen von Deutschland aus in die jeweiligen Häfen transportiert. Innerhalb Europas übernehmen Lastwagen die Versorgung. In schwer erreichbaren oder sehr dringenden Fällen schickt man auch mal was mit dem Flugzeug hinterher. Für 200 Euro Frachtkosten kann man eine schuhkartongroße Kiste heutzutage um die halbe Welt fliegen. Der außergewöhnlichste Wunsch, den Femerling erfüllen sollte, kam von der Crew: Die Mitarbeiter der „Europa“ wollten gerne ein Banana-Boat - also so ein aufblasbares Ding, das von einem Motorboot gezogen wird und auf dem bis zu zehn Personen sitzen und Spaß haben können. Femerling hatte nur vier Stunden Zeit, bevor die nächste Lieferung rausging. Natürlich hat er es geschafft.

Viele Leute haben die romantische Vorstellung, dass der Schiffskoch in jedem Hafen aus seiner Kombüse auf den nächsten Markt spaziert und vor Ort einkauft. „Das geht leider nur selten“, sagt Stefan Femerling. Denn man könne sich nicht immer sicher sein, dass die Qualität stimmt und die Sachen hygienisch einwandfrei sind, erklärt der Logistikexperte und erzählt von probierfreudigen Küchenmannschaften, die mit Fischvergiftung zwei Wochen flachlagen. Um nicht das geringste Risiko für die Gäste einzugehen, wird daher fast alles aus Europa herangeschafft – auch die Dekoration in Form von Blumen und der obligatorische Christbaum zu Weihnachten.

Bei der Auswahl der Lieferanten sprechen sich Femerling und seine Kollegen bei Sea Chefs ab. Manchmal werden auch Sammelbestellungen aufgegeben. Stefan Femerling hebt die Hand zum Ohr und tut so, als würde er telefonieren: „Hallo? Wir brauchen bitte drei Rinderherden.“ Das ist zwar ein Scherz, aber nahe an der Wirklichkeit. Auf Kreuzfahrtschiffen wird gerne und viel gegessen – da macht die „Europa“ keine Ausnahme. Auch für „nur“ 400 Passagiere braucht man auf einer zehntägigen Reise im Durchschnitt knapp zwei Tonnen Fleisch, 24 Kilogramm Kaviar oder 470 Kilogramm Reis.

Wenn also Waren für die nächsten drei Monate gebunkert werden handelt es sich um eine tonnenschwere und auch sehr teure Fracht. „Voll beladen hat die Europa Waren im Wert von 2,5 Millionen Euro im Bauch“, sagt Stefan Femerling.

Wichtig ist, dass der Lieferant nicht nur gute Qualität bringt, sondern dass die Ware auch termingerecht im gewünschten Hafen ankommt. „Es kann ja nicht alles auf einmal verladen werden“, sagt Femerling und erklärt, dass man die Lieferungen daher in zeitlichen Abständen bestellt. Eine Komplettversorgung umfasst acht bis zehn Seefrachtcontainer – also diese 12 mal 2,5 mal 2,5 Meter großen Metallkisten, die man im Hamburger Hafen zu Hunderten besichtigen kann. In solche Container geht eine Menge rein. Der Hotel Inventory Controller muss daher pro Warenanlieferung bis zu 20 000 Artikel auf 800 Quadratmeter Lagerfläche verstauen. Das ist eine Herausforderung wie beim Tetris-Spiel, aber in echt. „Ich werde oft angerufen, dass irgendwas nicht mitgekommen sei. Dabei stand es im hintersten Eck des Kühlraums“, erzählt Stefan Femerling.

Manchmal geht aber auch trotz aller Vorkehrungen etwas schief. „Die letzten paar Kilometer bis zum Schiff sind die schwierigsten“, sagt der Logistiker und erzählt, dass einmal ein Transporteur die per Luftfracht eingeflogene Ware auf einem Eselskarren gepackt habe: „Bei 50 Grad Außentemperatur waren alle Austern hinüber.“ Doch solche Erlebnisse wie im Hafen von Akaba in Jordanien sind zum Glück selten.